Marco Serafino und die Bäckerstochter

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Marco Serafino und die Bäckerstochter

Marco Serafino und die Bäckerstochter

Anita Isiris

Womöglich hatte nicht einmal Maurizio, der Sohn des Bürgermeisters, die nackte Mariateresa zu Gesicht bekommen. Auf mich wartete also viel Arbeit.

Als Künstler verstehe ich es aber, mit dem kleinen Glück umzugehen, welches das Leben ab und zu auch einem wie mir beschert. Ich verrückte die Staffelei so, dass ich mich auf dem Diwan ausstrecken und mein Werk ausgiebig bewundern konnte. Noch immer war meine Dachklause von abendlichem Sonnenlicht durchflutet. Ich öffnete den «Brunello», verspies das «Panino» und legte mich auf den Diwan. Genussvoll setzte ich die Flasche an, und je mehr ich trank, desto lebendiger wurde mein Gemälde. Ich wischte mir den Mund mit einem Zipfel des smaragdgrünen Tuches ab, auf dem Mariateresa vor einer Stunde noch gelegen hatte. Es duftete nach ihr, zweifellos, und sie war nicht nur visuell, sondern auch olfaktorisch bei mir. Mariateresa, die Bäckerstochter. Ich gebe zu, dass es mich sehr gereizt hat, an mir zu spielen, was ich aber tunlichst unterlassen habe. Ich bin ein anständiger Mann, und mein Modell ist vergeben. Sie hatte sich mir zwar offenbart, aber zur Freude und Erbauung eines anderen, nämlich zum privaten Glück von Maurizio, dem Sohn des Bürgermeisters.

Um Mitternacht machte ich mich an die Arbeit. Seufzend übermalte ich Mariateresas Füsse, ihre Schenkel, ihre Hüften, und zwar so lange, bis das Schwarz vom dunklen Haar ihrer Venus nicht mehr zu unterscheiden war. Ich arbeitete mich nach oben, bepinselte ihren geheimnisvollen Nabel, ihre vollen Brüste, bis nur noch ein kleiner, züchtiger Halsausschnitt zu sehen war. Ich liess das zerstörte Gemälde trocknen, nahm eine grosse Schere und durchtrennte die Leinwand. Dann fasste ich sie neu, und zwar so, dass Mariateresa wirkte wie ein Porträt meines grossen Vorbildes, Leonardo da Vinci. Es zeigt eine Frau, die nicht lacht und nicht traurig ist. Eine Frau mit einem geheimnisvollen, in die Ferne gerichteten Blick. Mariateresa, die Bäckerstochter.

Dann schlafe ich den Schlaf des unschuldigen Malers. Die Realität hat mich wieder.

Im Sommer 1501, ein Jahr nach dem Ereignis in der Dachkammer, stirbt Marco Serafino, der Kunstmaler aus Siena, völlig verarmt in seinem Bett, kurz bevor in seiner geliebten Stadt die Pest ausbricht. Um die Seuche auszurotten, wurde das Haus, in dem er wohnte, niedergebrannt.

Das Porträt von Mariateresa, das zweifellos die Welt erobert und Mona Lisa zu bedeutungslosem Staub hätte zerfallen lassen, wurde von ihr selbst an einen unbekannten Ort gebracht, kurz nachdem ihr Gatte Maurizio an der Pest verstarb und sie sein Haus aus ungeklärten Gründen verlassen musste

Aber bis heute weht über Siena die Magie des kreativen Verlangens, die Seele von Marco Serafino, dem Mann, welcher der Bäckerstochter auf einer Leinwand Leben eingehaucht hat.

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