Marco Serafino und die Bäckerstochter

2 11-17 Minuten 0 Kommentare
Marco Serafino und die Bäckerstochter

Marco Serafino und die Bäckerstochter

Anita Isiris

Wieviel Zeit ich für die Abbildung ihres Haars benötigte, hätte ich nicht zu sagen vermocht. Sie öffnete sich mir in ihrer gesamten seelenvollen Schönheit, und wir, das Licht, Mariateresa, ich, «la Spazzola» und das smaragdgrüne Tuch, das die Bäckerstochter umflutete, waren eins.

Wir verbrachten den Tag, ohne einen einzigen Bissen vertilgt zu haben, und wieder stand die rote Sonne über Siena. Ich wusste, dass ich jede Minute genutzt hatte, und ich wusste, dass es wohl das einzige und letzte Mal gewesen sein würde, dass die Bäckerstochter mir in künstlerischer Absicht ihren Körper offenbart hatte – um Maurizio, ihren künftigen Gemahl, zu erfreuen. Ich mochte mir nicht vorstellen, wo mein Werk dereinst hängen würde – es schmerzte zu sehr.

Ich betrachtete versonnen das Abendrot, während die Schöne sich in meinem Rücken wieder ankleidete, und verfluchte Zeus, dass sich an der Rückseite meines Kopfes keine Augen befanden. Aber ihr Bild hatte sich unauslöschlich in meinen Kopf, mein Herz und meine Seele eingebrannt. Ich führte die Bäckerstochter nach unten, geleitete sie über die Strasse, wo sie freudig von ihrem Vater empfangen wurde – und bekam den ersten Teil meines Lohns: Eine Flasche «Brunello di Montalcino» und eines meiner begehrten und geliebten «Panini». Um nicht gierig zu erscheinen, steckte ich es in eine Seitentasche meines Malerschurzes, den ich noch immer trug. Ich war in einer völlig anderen Welt und hätte Signor Damatos Frage, wann er das Kunstwerk denn sehen dürfe, beinahe überhört. «Domani», krächzte ich. Siedendheiss durchfuhr es mich. Bestimmt erwartete der ehrenwerte Vater nicht ein Aktbild seiner Tochter, sondern ein huldvolles Porträt. Mariateresa hatte sich bestimmt der Hitze wegen entkleidet, und es war jetzt an mir, ihre Blösse zu verbergen. Noch während ich die Treppen zu meinem Dachzimmer erklomm, sah ich mich mit einem Mal als Beschützer der Bäckerstochter.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 2742

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben