Sie begrüßte ihn aber sehr freundlich, bat ihn in ihr kleines Büro, und nachdem er über die wichtigsten Abläufe instruiert worden war und ein paar Unterschriften geleistet hatte, ging sie mit ihm ein Stockwerk höher und zeigte ihm sein Zimmer. Ihren Mann, den Leiter des Hauses, würde er vor dem Abendessen kennenlernen, um diese Zeit sei er unterwegs, um Natur aufzutanken, wie sie sich ausdrückte. Er solle doch bitte pünktlich um 18.45 in seinem Büro erscheinen. Es wunderte ihn, dass sie nicht Viertel vor sieben gesagt hatte, vielleicht war sie pedantisch, das würde gut zu ihr passen. Das Zimmer war reichlich klein, in einem abgetrennten Teil waren eine Dusche, ein Waschbecken und die Toilette, alles recht eng und auch ansonsten war es sehr spartanisch eingerichtet: ein Bett, ein Tischchen, ein Stuhl und ein Schrank, weniger wäre kaum möglich gewesen. Etwas erstaunt war er nur über das Bild, das über dem Bett hing, ein seltsames Bild in dieser Umgebung. Es zeigte einen Stich, vielleicht von Dürer, er kannte es jedenfalls, sein Titel war "Susanna und die beiden Alten". Seltsam, weil es eine fast nackte Frau zeigte und das in einem Nonnenheim. Das Schönste an dem Zimmer war zweifellos der Blick von dem kleinen Balkon, den er schon kannte, als er vor dem Haus stand, der aber nun völlig unverstellt war. Der weite Blick in das Tal, hinüber zum Kloster und auch zum Bahnhof, zu seinem Bahnhof, und weiter zu den weißen Felsen, die den Ort umgaben und beschützen und seine Lage markant und berühmt gemacht hatten und die er früher, als er sie fast jeden Tag gesehen hatte, kaum schätzte und längst nicht so wunderbar fand, wie jetzt, viele Jahre später. Aber rasch kehrten seine Gedanken wieder in die Gegenwart zurück, in das enge Zimmer, zu dem Bett, das vermutlich zu enge und zu kurz war, für einen großen Mann, wie er. Vielleicht, ging es ihm durch den Kopf, wäre es doch besser gewesen, im Hotel Pelikan abzusteigen.
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