Maria und der Apfelkuchen

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Maria und der Apfelkuchen

Maria und der Apfelkuchen

Anita Isiris

Die Frauen kauften ihre Leibwäsche meist allein – und auch die Männer kamen allein, um für ihre Susi, Karin oder Lisa zu Weihnachten Wäsche zu kaufen, in der sie sich ihre Schätzchen unter den Tannenbaum träumten. Rot, mit schwarzen Punkten oder so. Als Maria den Apfelbaum erreichte, war sie ein wenig enttäuscht. Die untersten Äste waren bereits leergepflückt. Die an die Garage angelehnte Leiter entdeckte sie erst im letzten Augenblick – kurz bevor sie in ihre Wohnung zurückgehen und sich etwas Tiefgekühltes aus dem Kühlschrankfach klauben wollte. Wann hatte sie das letzte Mal auf einer Leiter gestanden? Sie schob sie zwischen zwei Äste, die ihr stabil genug schienen, und stieg beherzt in die Höhe. “Kann ich helfen?” Maria zuckte zusammen. Unten an der Leiter stand Herr Linzer, der Rentner, der über ihr wohnte. Er war eine Frohnatur, wie ihr schien. Immer hatte er ein Lächeln auf den Lippen, kein schmallippig-verbittertes Renterlächeln, sondern ein freudliches, zum Gespräch einladendes. “Ich halte schon mal die Leiter”, sagte er und schaute zu ihr hoch. In diesem Augenblick erinnerte sich Maria daran, dass sie unter ihrem Sommerrock nichts trug – nichts ausser ihrem dichten schwarzen Schamhaar, und genau dafür schien sich Herr Linzer jetzt zu interessieren.

Marias gesamte Montagbissonntagslipundbehakollektion rotierte in der Waschmaschine. “Verführerisch”, sagte er, “verführerisch – die Äpfel, meine ich”. Bestimmt hatte er schon manche Frau gesehen. Er war kein Kind von Traurigkeit. Maria spürte, wie seine Blicke auf ihrer intimsten Stelle ruhten, und sie strich mit ihrer freien Hand den Rock glatt. “Ich komme gut klar”, sagte sie ein wenig abweisend und streckte sich nach einem der saftigen, süss-säuerlichen Jonathan-Äpfel. “Du Eva, ich Adam”, flachste der Alte. Dann machte er einen Schritt zur Seite. Er gehörte zur Generation, die noch Manieren kannte. Klar gehörte es sich nicht, einer Frau zwischen die Brüste zu schauen – zwischen die Beine schon gar nicht.

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