Maria und der Apfelkuchen

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Maria und der Apfelkuchen

Maria und der Apfelkuchen

Anita Isiris

Das hier aber, dieses arglose Zufallserlebnis mit der Nachbarin auf der Leiter, der Blick auf Marias Schamhaarlöckchen, das konnte ihm doch im Ernst niemand verwehren. Herr Linzer blickte wieder hoch und blinzelte. Maria konzentrierte sich ganz auf ihre Äpfel. “Noch einen”, sagte sie zu sich selbst, ging eine Sprosse höher und streckte sich nach dem Jonathan Nummer zehn. Dabei offenbarte sie etwas mehr als nur ihr Schamhaar – das geheimnisvolle Rosa ihres seit längerer Zeit unberührten Geschlechts. “So, das reicht für einen Kuchen”, sagte Maria leichthin, stellte die Leiter zurück und ging neben Herrn Linzer her zurück ins Haus. Bestimmt wurden sie von mehreren Augenpaaren verfolgt. Maria würde mit dieser ureigenen Form von Quartiervoyeurismus fortan leben müssen. Sie mochte Vorhänge nicht besonders, hatte sich aber von ihrer Mutter überzeugen lassen, dass solche zumindest im Schlafzimmer von Vorteil wären. Alle andern Räume gaben den Blick frei nach draussen, einen Blick auf farblose Häuserreihen, den kleinen Hinterhof und den bescheidenen Jonathan-Apfelbaum. Der Blick durchs Fenster war aber genau so frei auf Marias Küche, ihr Wohnzimmer, ihren Korridor und ihre Dusche, wobei zu sagen ist, dass im Badezimmer an Milchglasscheiben gedacht worden war. Die Idee, Herrn Linzer zu Apfelkuchen mit Sahne einzuladen, kam Maria ganz spontan. Ebenso spontan sagte er zu – etwas rasch, wie ihr schien.

Er ging hinter ihr die Treppe hoch und konnte den Blick von ihrem runden Hintern nicht abwenden, über dem sich der schwarz-grau gemusterte Stoff des Sommerrocks spannte. Nur mit Mühe verbarg der Gast seine Neugier und sog jedes Detail in sich auf: die beiden Rosina-Wachtmeister-Bilder im Eingangsraum – das mit dem Fahrrad und das mit der Katze, Marias ausladende Sammlung an Stiefeletten, ihre drei Schuhlöffel, silbern, golden und türkis, der ausgetretene Teppich im Korridor – denselben, den er bei sich oben hatte.

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