Marionnahs Zeit

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Marionnahs Zeit

Marionnahs Zeit

Anita Isiris

Der kleine Mann verbeugte sich vor mir. Es war Lille Per. Ich hatte ihn selber erfunden und zum Protagonisten einer meiner Erzählungen gemacht. Lille Per, der Schwede mit dem kaum zu befriedigenden Sextrieb. Da kam wohl noch einiges auf uns zu.

Nicht zum ersten Mal erlebte ich, dass frei von mir erfundene Protagonisten eines Tages Besitz nehmen von einem Teil meines Lebens. So bin ich im realen Leben schon einem Fotografen begegnet, dessen Treiben ich kurz zuvor in einer Geschichte geschildert habe, und in der Toscana habe ich bei einem Macellaio, einem Fleischer, Salami eingekauft, und der Mann sah genau so aus, wie ich mir einen Macellaio vorstelle.

Es gibt es, dieses Archetypische, das bestimmte Charakterzüge von uns auszeichnet und sich in der Physiogniomie, der Körperhaltung, der Kleidung widerspiegelt. Auch Professor Brenner war so ein Archetyp. Älterer Herr, Akademiker, distinguiert-freundlich, aber hinter der Fassade brodelt es. Lille Per war schwieriger einzuordnen. Vor mir stand natürlich nicht Lille Per aus meiner gleichnamigen Story, sondern ein Kleinwüchsiger, der genau so aussah, wie ich mir einen Kleinwüchsigen vorstelle – mit einer geballten Ladung angestauter Libido in seiner Seele und in seinem Körper. Oder stand da wirklich Lille Per? „Kennst Du Marlise?“, fragte er mich mit zischenden Lauten. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Hasste er mich? „Ich hasse Dich“, sagte er. „Du hast da jemanden zu Leben erweckt, den Du besser hättest schlafen lassen. Seit die Geschichte über mich existiert, leide ich unsägliche Seelenpein. Mein Verlangen nach einer normalwüchsigen Frau steigert sich ins Unermessliche. Klar war es geil für mich, dass ich Dich soeben habe bumsen dürfen – aber das reicht mir nicht. Ich will die Seele einer Frau, will ihr Innerstes.

Da reicht es nicht, wenn ich einen Finger in ein weibliches Poloch stecke; da reicht es nicht, wenn ich zusehen darf, wie mein Sexobjekt ausgepeitscht wird – so wie Du vorhin. Ich will Angst sehen, Leiden, Spannung. Erst dann kann ich mich wieder in mich selbst zurückziehen und mich zurückgegeben ins für normale Menschen unsichtbare Universum von uns Kleinwüchsigen, die eh von den wenigsten verstanden werden – von Frauen schon gar nicht.

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