Ich kehrte zurück in den Keller, raffte meine Kleider zusammen und traute meinen Augen nicht. Marionnah war in der Zwischenzeit zu sich gekommen; die Drogen hatten ihre Halbwertszeit erreicht. Marionnah hatte Lille Per am Untersuchungstisch fixiert, auf dem sie selbst gerade noch gelegen hatte, und an Lille Pers senkrecht aufgerichtetem Schwanz waren die vier Elektroden befestigt, mit deren Hilfe Marionnah hätte gepeinigt werden sollen.
„Ich habe die Drehregler bis zum Anschlag aufgedreht“, rief mir Marionnah triumphierend zu. Lille Pers Körper wurde von einem Krampf zum nächsten geworfen, so, als wäre er vom Exorzisten besessen.
„Nichts wie weg hier“, sagte ich und zog Marionnah hinter mir her aus dem Keller. Beinahe wäre sie über den Kadaver des Herrn Professor Julius Martin Brenner gestolpert.
„Ich bin nackt“, sagte sie. „Egal – es geht um unser Leben.“
Ich wusste ja nicht, wer sonst noch alles ins dubiose Silikonbusiness involviert war – und ich wollte bloss noch raus hier! Ohne Zwischenfälle gelangten wir zur Kellertreppe, ich schloss die Tür auf und wir traten ins Freie.
Die Sonne schien, der Park schlummerte vor sich hin und nichts deutete darauf hin, dass hier vor kurzem noch eine Party stattgefunden hatte... mit einer Ausnahme. Der Pool war mit orange-weissen Folien abgesperrt. Sie hatten Rahel gefunden. Vermutlich hatte sie das Wissen um die Aktivitäten ihres Vaters nicht länger ertragen.
Was mir endgültig den Rest gab und meine Freude an der neu gewonnenen Freiheit in Nichts auflöste, war aber Folgendes: Marionnah neben mir hatte um Jahre gealtert. Ihr ehemals glänzendes, dichtes schwarzes Haar hatte graue Strähnen und war dünner geworden. Ihre von Leben sprühenden Birnenbrüste hatten deutlich an Volumen verloren. Marionnahs Unterschenkel wiesen Krampfadern auf.
Als ich sie vor Jahren kennenlgelernt hatte, war sie eine hübsche, aufgeschlossene, intelligente, warmherzige und vor allem lebenslustige Frau gewesen
Nun war alles Leben aus ihr gewichen. Die Erlebnisse im Keller hatten sie stark mitgenommen. Marionnah erholte sich nie mehr. Sie legte an Gewicht zu, litt später an einem Burnout-Syndrom und hatte jeden Sinn für geschmackvolle Kleidung verloren. Sie trug den ganzen Tag Pijama, und wenn sie sich bückte,sah man ihre Pospalte. Sie war TV-süchtig, hatte schon am Morgen Ringe unter den Augen.
Wer aber ganz genau hinsah, erkannte es noch immer: Das geheimnisvolle Leuchten in diesen umringten Augen, ein Leuchten wie das eines Fixsterns, ein Leuchten, das sagen wollte: Es ist noch nicht vorbei, Baby. Es ist nie vorbei.
ENDE
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