Bestimmt war sie noch Jungfrau, eine unschuldige Schönheit aus der Gegend, und er – ein Gemsjäger, der in der folgenden Nacht mit seiner Eroberung prahlen würde. Ich war kurz vor dem Orgasmus, als ich nochmals auf den Baldachin über mir blickte. Mir schien, er sei ein wenig tiefer gesunken; ich hörte das Knirschen von Zahnrädchen. Sofort verdrängte ich aber jegliches Misstrauen und jede Angst; ich schrieb jede Wahrnehmung dem hochprozentigen Kaffee zu, den ich soeben genossen hatte. Im Nebenzimmer näherten sie sich einem kollektiven Orgasmus, und ich streichelte mich so, dass ich der sich steigernden Erregung folgen konnte. Wir sollten zu dritt kommen, sagte ich mir, ein solidarischer Höhepunkt in weltferner Gegend war angesagt. Irgendetwas verband mich jetzt mit dem Paar, das ich bestimmt beim Frühstück kennen lernen würde. Ich war überzeugt, dass er sie jetzt vögelte, mit kräftigen Stössen. War sie die Tochter des Pastors? Ein Engel aus der Gegend? Eine Fee gar? Ich liess mich gehen, zog die Beine an, wie ich das beim Masturbieren sehr gerne tue, und schob zwei Finger in mich. Ich spielte mit inniger Lust an mir herum, bis, endlich, die Wellen eines heftigen Orgasmus über mir zusammenschlugen.
Im Nebenzimmer wurde es allmählich ruhig. Sehr ruhig sogar. Sie waren im selben Moment gekommen wie ich; danach war Totenstille. Unheimliche Totenstille.
Als ich am Morgen aufwachte, spürte ich gleich, dass etwas nicht stimmte. Eiligst wusch ich mich, so gut das eben geht mit eiskaltem Wasser, putzte die Zähne und zog mich an. Mich schauderte.
Im Frühstücksraum war ich allein; mir wurde von der Balinesin ein währschaftes Essen aufgetragen mit Speck, Ei, Wurst und Zopf. Aus irgendeinem Grund vermied ich es, nach dem Paar im Nebenzimmer zu fragen. Ich schlang das Essen hinunter, eilte in mein Zimmer und schnürte meinen Rucksack. Der Baldachin hatte sich nochmals ein wenig gesenkt, schien mir. Ich musste die Herberge schleunigst verlassen, wenn mir mein Leben lieb war. Ich schloss die Zimmertür hinter mir und hielt inne. Mit klopfendem Herzen drückte ich die Türklinke zum Nebenraum. Ich erstarrte. Zwei Paar Füsse waren zu sehen, nur zwei Paar Füsse. Der Baldachin, der selbe Baldachin, der mir in meinem Zimmer schon Angst gemacht hatte, war gänzlich heruntergeschraubt. Es handelte sich aber nicht um einen Baldachin, sondern um eine schwere, mit einem Brokattuch getarnte Matratze, die das liebende Paar erdrückt hatte. In die schweren Bettpfosten war ein Schraubgewinde eingelassen; im oberen Stock konnte man vermutlich durch einen raffinierten Mechanismus die Matratze senken, die Gäste töten und danach bequem ihr Gepäck plündern. In der Tat: Slips, Bhs, eine leere Brieftasche, ein Päcklein mit Kondomen und fünf Zigaretten lagen verstreut am Boden. War ich das nächste Opfer? Panische Angst befiel mich. Ich hastete in mein Zimmer zurück; in diesem Moment krachte auch mein Matratzenbaldachin auf die Liegestatt, auf der ich unlängst genächtigt hatte. Ich riss das Fenster auf und sprang in die Tiefe.
Es regnete Bindfäden, und über mir wölbte sich ein Himmel in mesmerisierendem graublau. Ich machte mich auf den Weg.
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