Vorerst konnte ich es nur schlecht verkraften, dass sie hie und da einem Touristen zu Willen ist, irgendwann nach Mitternacht. „Weißt du“, sagte Jana vor kurzem lächelnd zu mir, „ich mag das – ich lebe in zwei Welten. Tagsüber bin ich die arbeitsame Frau, die das tut, was die Familie erwartet. Wenn der Abend dämmert, bin ich Verführung. In der Stunde nach Mitternacht aber werde ich zur liebenden Frau, die alles gibt und alles nimmt.“ Mein Stirnrunzeln nahm sie nicht wahr und entfernte sich lachend. Ihr betörendes Parfum hing im Raum. Schon immer beneidete ich meine Schwester, wenn ich ehrlich bin. Ich bin zwar mittlerweile eine gut verdienende Akademikerin und kann mir Dinge leisten, von denen Jana nur träumt. Sie aber trägt eine flammende, nie versiegende Liebe im Herzen: die Liebe zum Leben, die ich, Anita, als Autorin in meinen Geschichten auszudrücken versuche. Jana aber lebt. Eines Abends war es dann so weit: Ich befand mich kurz vor meiner erneuten Abreise in die Schweiz – noch einmal schlenderte ich durch den Pinienwald ans Meer, fühlte den warmen Sommerwind im Gesicht... und wurde von tiefer Melancholie erfasst. Von Zakynthos nach Basel... was für unterschiedliche Welten sich da in mir miteinander verbanden! Nur einmal, einmal wollte ich teilhaben an Janas Lust, einmal wollte ich heimliche Beobachterin sein und mitfühlen, wenn ein Reisender meine geliebte Schwester verwöhnte. Ich kannte die geheimen Plätzchen, die Jana nach Mitternacht mit ihren Liebhabern aufsuchte. Es gab drei Möglichkeiten. Die eine lag direkt hinter unserer kleinen Kneipe, die zweite mitten im Wald auf einer kleinen Anhöhe und die dritte direkt am Meer. Ich suchte diese Stellen auf und stellte mir jeweils vor, wie die Männer meine geliebte Jana küssten, sie leidenschaftlich an den Haaren zogen und irgendwann mit kurzen, kräftigen Stössen in sie eindrangen. In jener Nacht verabschiedete ich mich frühzeitig unter irgendeinem Vorwand (Migräne) von meiner Familie und versteckte mich hinter dem Haus. Es war warm; ein wunderbarer griechischer Sommerabend. Ein „Nana Mouskouri-Abend“, hätte Jana jetzt gesagt. Es war kurz vor Mitternacht, und ich hörte das Klappern des Geschirrs, das in diesen Augenblicken abgeräumt wurde. Dann war es still. Die zwei Schatten entdeckte ich eine halbe Stunde später. Sie bewegten sich in Richtung Wald. Jana hatte sich also für die kleine Anhöhe entschieden. Ich huschte von Baum zu Baum; der Mond erhellte den Weg vor mir und ich musste höllisch aufpassen, dass meine Schwester und ihr Begleiter mich nicht entdeckten. Wie anmutig die beiden vor mir sich bewegten! Wie zwei Gazellen. In Zakynthos gibt es keine Gazellen, klar. Höchstens Schildkröten, die aber sind nicht wirklich anmutig. Ich musste über meine Situation lachen – und gleichzeitig war ich befremdet. Was tat ich da? Was ging mich das an, was meine Schwester hier tat? Sie war ja schon 22 Jahre alt...
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