Meine Konstante

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Meine Konstante

Meine Konstante

Leni Trattner

Und dass ich für seinen Bruder keine Verantwortung übernehmen musste. Weil es auch nichts zu erklären gab.
Die Jahre danach kamen und gingen. Kein Beschluss, kein Neubeginn – nur Weitergehen. Manchmal hörten wir wochenlang nichts voneinander, dann kam eine Nachricht: Heute?
Unsere Begegnungen waren selbstverständlich: Kochen, Reden, Näherkommen. Manchmal unternahmen wir etwas. Besuchten eine Ausstellung, die einer von uns besuchen wollte. Oder wir trafen uns bei einem von uns. Spielten auf der Playstation. Probierten uns in Monopoly, wie als Kinder, aber fanden es bald zu lange. Probierten neue Rezepte auf. Freuten uns, wenn es klappte. Und lachten, wenn es ungenießbar wurde – und bestellten dann Pizza. Ich mochte, wie unangestrengt die Erotik zwischen uns geworden war. Sie geschah einfach, wie selbstverständlich. Damit meine ich nicht, dass sie langweilig war, denn sie war das Gegenteil. Aber sie wirkte natürlich. Mal fielen wir zu Beginn des Treffens schon übereinander her, manchmal erst nach Stunden. Einfach dann, wenn es sich für uns beide richtig anfühlte. Doch egal wann, immer war es unglaublich schön. Erfüllend und entspannend. Kein Schauspiel, kein Erwartungsdruck. Es war die Art von Nähe, bei der man sich nicht vorbereitet – man ist einfach da, in Haut und Vertrauen.
Ich konnte bei ihm alles ablegen: Make-up, Zweifel, Rollen. Und er ließ mich. Wenn er mich ansah, war da kein Besitz, nur Aufmerksamkeit. Es gab Momente, da war ich mir sicher, dass er mich besser kannte als jeder, der mich je geliebt hatte.
Draußen veränderte sich mein Leben – Jobs, Geschichten, Freunde, Städte. Aber er blieb. Nicht als Rettung, sondern als Referenz. Wenn ich ihn sah, wusste ich, wer ich war. Vielleicht war das die ehrlichste Form von Zuneigung, die ich je erlebt habe.
Manchmal fragte ich mich, ob wir etwas verpasst haben. Vielleicht hätte das eine klassische Beziehung werden können – mit gemeinsamen Wochenenden, Verpflichtungen, kleinen Reibungen und großen Versprechen. Aber ich glaube, das hätte uns zerstört. Wir funktionieren im Freiraum, nicht im Vertrag. Und das ist gut so.
Wenn wir uns berühren, ist das längst kein Abenteuer mehr. Es ist Erinnerung, Vertrauen, ein gemeinsames Wissen über das, was uns bleibt. Ich liebe diese Ruhe. Wie selbstverständlich sein Körper sich an meinen fügt, wie mühelos der Atem sich findet. Nichts, das bewiesen werden muss.
Vielleicht ist das Liebe, auf ihre stille Art. Keine für Romane, keine für Zuschauer. Eine, die bleibt. Nicht dann, wenn alles Laute verklungen ist, sondern eine, die immer schon ruhig war.
Es gibt Tage, an denen denke ich an ihn, ohne ihn zu sehen. Dann sitzt er irgendwo in meinem Kopf, wie ein wärmender Gedanke. Eine Gewissheit. Wenn ich ihn anrufe, kommt er. Wenn er ruft, komme ich. Ohne Gründe, ohne Drama.
Vielleicht ist das die Form von Nähe, die ich gebraucht habe: eine, die Raum lässt. Eine, in der Begehren nicht gegen Freiheit kämpft. Er ist meine Konstante. Mein Gegenüber ohne Etikett, mein Begehren ohne Theatralik.
Und wenn ich an all die Jahre denke, dann glaube ich, dass es genau das war, was ich gesucht habe – jemanden, bei dem ich endlich ich bleiben darf. Nicht mehr und nicht weniger.

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