Anschließend aßen sie noch einmal gut zu Mittag, machten eine Hafenrundfahrt und verbrachten dann einige Zeit auf der etwas abgelegenen Parkbank, die Welt wieder um sich herum vergessend, nur sich selbst und ihren Gefühlen ausgeliefert. Am späten Nachmittag, als der Frühaufsteher so langsam öffnete, gingen sie zu Wanda. Er bezahlte seine Schulden und machte sich bei der Wirtin sehr beliebt, indem er ihr ein ordentliches Trinkgeld hinterließ. Consuela redete und redete und hörte gar nicht mehr auf, von dieser wunderschönen gemeinsamen Zeit mit dem caballero zu schwärmen. Es war ihr völlig egal, ob Wanda alles verstand, Hauptsache, sie konnte reden und ihre Emotionen los zu werden. Wanda verstand zumindest soviel, dass sie tief beeindruckt und vermutlich auch ein wenig eifersüchtig war. Eine Stunde vor Abfahrt des Zuges, gingen sie noch einmal in das schäbige Imperial, es war zwar in vieler Hinsicht billig, aber es lag günstig, nicht weit weg vom Bahnhof und sie konnten ihre erste Begegnung noch einmal auferstehen lassen, jedenfalls zum Teil. Als er ihr nun endlich das Geld gab, das sie sich redlich verdient hatte, er hatte sich am Nachmittag noch einmal Nachschub aus einem Geldautomaten geholt, nahm Consuela es dankbar an. Sie versicherte zum wiederholten Mal, dass die Zeit mit ihm die schönsten Stunden in ihrem Leben gewesen seien und dass sie bestimmt nie wieder kämen. Er solle ihr nichts versprechen, von wegen Treue oder Wiedersehen. Sie glaube keinem Mann und sie wolle ihn in guter Erinnerung behalten. Da sie kein Telefon hatte, wäre es auch kaum möglich gewesen, Kontakt aufzunehmen. Auch er war überzeugt, dass es bei einem weiteren Treffen, nicht noch schöner werden könnte und er hatte auch das Gefühl, das beide zu einem guten, harmonischen Abschluss gekommen waren, denn als nächstes hätten sich unweigerlich die Probleme des Lebens eingestellt, eine sinnvolle Fortführung ihrer Beziehung wäre wohl nicht möglich gewesen und wie er mit solch einer „amour fou“ in seinem normalen Alltag zurecht gekommen wäre, wollte er sich lieber gar nicht überlegen. So war ein Abschied mit Tränen allemal besser, auch für Consuela, die realistisch genug war, um zu wissen, dass dies ein schönes, einmaliges Ereignis gewesen war, aber nicht der Wendepunkt in ihrem Leben und schon gar nicht der Beginn einer standhaften, neuen Liebe. So lagen sie sich auf dem Bahnsteig zum letzten Mal in den Armen, küssten sich noch einmal voller Leidenschaft, drückten noch einmal ihre Leiber fest aneinander und die vorhergesagten Tränen rannen über das Gesicht der Mexikanerin und auch er hatte mit würgenden Gefühlen zu kämpfen. Dann musste er einsteigen. Der Zug fuhr pünktlich ab und er sah, wie ihre Gestalt kleiner wurde. Weil man in einem ICE die Fenster aber nicht öffnen kann und sich nicht so wie früher, in seiner Jugend, hinauslehnen, schauen und winken kann, war sie auch sehr rasch aus seinem Gesichtsfeld verschwunden. Sie blieb aber in seinem Gedächtnis und auf den Dateien in seiner Kamera, und da würde sie noch lange, sehr lange bleiben.
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