Die Mexikanerin

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Die Mexikanerin

Die Mexikanerin

Yupag Chinasky

Genau an dem Tag, als er die Mexikanerin kennenlernte, hatte er ein Buch gekauft. Auf dem Umschlag war das Gesicht einer Frau abgebildet, in Schwarz-weiß und ziemlich dunkel, ohne viel Details, aber sehr ausdrucksstark. Das Gesicht einer reifen, exotischen Frau, ein Gesicht, das ein Geheimnis barg, über das man nachdenken und spekulieren konnte, ein Bild, wie es ihm gefiel. In dem Buch waren noch andere, sehr gute Bilder von Menschen in Mexiko, aber die Frau auf der Titelseite berührte ihn am meisten. Er musste immer wieder an das Bild denken, als er ziemlich ziellos durch die Straßen der Stadt streifte, auf der Suche nach Eindrücken, vielleicht auch nach Erlebnissen, die man nur in einer Großstadt finden kann. Was ist der Grund, warum man allein in eine fremde Stadt fährt, warum man eine anstrengende Reise auf sich nimmt und sich aus der Geborgenheit und Vertrautheit des komfortablen Alltags begibt, wenn nicht, um mit etwas Neuem, etwas selbst Erlebten nach Hause zurückzukehren. Von dieser kurzen Reise kehrte er mit viel mehr zurück, als er sich je hatte vorstellen können. Was in diesen wenigen Tagen geschah, war ein massiver Eingriff in sein Leben, eine Freisetzung von Gefühlen, die er kaum noch kannte, ein unvergessliches Erlebnis. Er musste sich, als er wieder klar denken konnte, gestehen, dass er sich verliebt hatte und dass die Liebe auch schon wieder zu Ende war.

Er hatte eine kurze Städtereise gebucht, nur ein paar Tage in einer sehr attraktiven Stadt, nur von Samstag bis Dienstag. Die Zeit würde genügen, um ein paar Museen abzuklappern, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten aufzusuchen, das Leben auf den Straßen zu beobachten und um eben diese Eindrücke zu sammeln und in Fotografien festzuhalten, auf die es ihm ankam. Die Museen waren großartig, die dort gezeigte Kunst überwältigend, die Sonderausstellungen zur Fotografie zweifellos eine Reise wert, aber irgendwann ist man zugedröhnt und vollgestopft und will dann nichts Neues mehr aufnehmen. Die Sehenswürdigkeiten verlieren ihren Reiz, wenn man zum x-ten Mal an ihnen vorbeigekommen ist und auch die schönsten Museen kann man nicht uferlos besuchen. So blieben nach einem anstrengenden Wochenende, nur noch die Straße für diese Eindrücke und auch die waren in der Tat höchst interessant. Das Hotel, in dem er ein Zimmer gebucht hatte, ohne über Lage und Ausstattung viel nachzudenken, war ganz ordentlich. Das Haus war zwar alt, die Teppichböden auf den Flurgängen schrecklich und der Aufzug hatte bestimmt schon mehr als fünfzig Jahre seinen Dienst verrichtet. Die Kabine war schäbig, der Mechanismus, den man in dem Schacht einsehen konnte, war archaisch. Man spürte bei jeder Fahrt das Alter, hörte das Ächzen, spürte das ruckartige Anfahren und Abbremsen. Ihm kam es vor, als füge sich ein gequälter, resignierter, alte Ochse in sein unvermeidliches Schicksal, immer und immer wieder um einen Brunnen herumzutrotten und das Schöpfrad in Bewegung zu halten. Von dem Aufzug und den Fluren einmal abgesehen, war das Hotel aber ganz passabel. Sein Zimmer war sauber, die funktionale Dusche lieferte die gewünschte Wassertemperatur auf Anhieb, das Personal, soweit er überhaupt mit jemandem in Berührung kam, war freundlich und das Frühstück war zwar immer dasselbe, aber reichlich und von guter Qualität. Er empfand das Hotel auch deswegen als angenehm, weil das Zimmer sehr günstig angeboten wurde, für seine Lage fast im Zentrum einer Weltstadt geradezu billig. Aber genau die Lage war auch der Grund für den günstigen Preis, denn es lag in einem Viertel, das als höchst problematisch und zugleich sehr exotisch gilt. Die Geschäfte waren in ihrer Mehrzahl exotisch, viele türkisch, dazwischen auch arabisch oder libanesisch oder sonst wie orientalisch. Ein Restaurant hieß „Teheran“, in einem anderen gab es afghanische Küche, im nächsten chinesische oder indische. Auf den Straßen sah man vor allem Menschen, die man sofort als Ausländer einstufte oder Typen, denen man ansah, dass es ihnen im Leben nicht besonders gut ging. Viele lungerten herum, hielten Bierflaschen in den Händen, diskutierten miteinander. Andere durchsuchten die Mülleimer nach Pfandflaschen, wieder andere versuchten, von den Passanten direkt ein paar Cents zu erbetteln. Die meisten waren zurückhaltend, manche aber auch durchaus aggressiv und penetrant. Und dann gab es natürlich auch die Frauen, die schon am frühen Morgen und in der ganzen Nacht ihrem eindeutigen Gewerbe nachgingen.

Die meisten, die zwischen betont forsch und scheinbar desinteressiert auf Kundschaft warteten, kamen vermutlich aus Osteuropa, jedenfalls war es klar, wenn sie den Mund aufmachten. Allerdings gab es auch viele Dunkelhäutige, die meisten ziemlich füllig und viele auch schon älter. Manche hatten ziemlich hässliche Gesichter oder unförmige Figuren, Riesenbrüste oder fett Ärsche und man fragte sich, welche Art von Kunden, sie so anziehend fanden, dass sie mit ihnen gingen. Andere waren aber durchaus jung, mit attraktiven Formen und Gesichtern, die durchaus nicht hässlich waren. Hinzu kam, dass manche richtig aufreizend und lasziv mit wogenden Hintern durch die Straßen wanderten. Von dem Fenster in seinem Zimmer im dritten Stock hatte er einen guten Blick auf die Straße, in der sich immer einige Bordsteinschwalben aufhielten. Er sah, direkt unter sich, wie sie warteten, herum schlenderten, ein paar Worte miteinander wechselten, sich an die Mauer lehnten, eine Zigarette rauchten, dann weiter gingen, die Straßenseite wechselten und schließlich aus seinem Sichtfeld verschwanden. Er hatte, weil er in Hotels immer sehr schlecht schlief, sie ziemlich lange beobachtet, aber nicht ein einziges Mal gesehen, dass tatsächlich einer der angesprochenen Männer mit der Lady mitgegangen wäre. Es waren schon sehr seltsame Typen, die er beobachtete, Frauen wie Männer, viele sahen total verlebt aus, einige waren offensichtlich verhaltensgestört, weil sie wild und lautstark diskutierten oder hektisch herumliefen, wie eingesperrte Zootiere. Gegenüber dem Hotel war ein Hof, der als Parkplatz diente und auf den sich immer wieder ein paar Gestalten verzogen, ganz bestimmt nur, um Drogen zu konsumieren oder sich zu erleichtern. Einmal kam eine Polizeistreife und nahm einen übel aussehenden Typ fest und führte ihn in Handschellen zum Streifenwagen. Seine Begleiterin, eine Frau undefinierbaren Alters, wurde zu Fuß abgeführt. In all der Trostlosigkeit gab es aber auch Lichtblicke. Zum Beispiel diese junge, schlanke Afrikanerin, deren wunderschöne Kurven und Formen in einem engen, gestreiften Kleid, bestens zum Ausdruck kamen. Er konnte, mithilfe seines kleinen Fernglases, vom Fenster aus sehen, dass sie wirklich ganz hübsche Gesichtszüge hatte und dass ihr Busen sehr voll war und der Anblick ihres wackelnden Hinterns einen puren Genuss darstellte. Er sah sie direkt unter sich, sah ihre Haare, ihren Ausschnitt, sah, wie sie wartete und auf roten Stöckelschuhen herum schlenderte und in der Hand eine sehr rote Handtasche hielt, die sie immer an ihren Körper presste, als habe sie Angst, jemand könnte sie ihr entreißen. Sie wird wohl ihre Erfahrungen gemacht haben, dachte er. Später stand er ihr sogar auf der Straße direkt gegenüber. Sie war auch vom Nahen durchaus attraktiv, vor allem ihr Körper, ihr Gesicht fiel dagegen etwas ab, zu stark geschminkt und nicht besonders intelligent. Er sprach sie an, sie wechselten ein paar Worte, und er versuchte sie für ein paar Fotoaufnahmen zu interessieren. Er hätte sie gerne eine Stunde lang bei Tag fotografiert und wäre auch bereit gewesen, sie dafür zu bezahlen. Doch das war wohl zu kompliziert für sie, denn sie reagierte ziemlich dümmlich und schien nur daran interessiert zu sein, schnelles Geld für vermutlich schlechten Service zu bekommen, an Kunst und wagen Versprechungen für den nächsten Tag hatte sie absolut kein Interesse.

Er wollte sie wirklich nur fotografieren und nicht vögeln. Ihre Absage war sogar verständlich, denn konnte man wissen, was ein solcher Typ wirklich wollte, dabei war er doch absolut harmlos. Er grämte sich auch nicht weiter, denn er sollte an diesem Abend die Mexikanerin kennenlernen, mit der er nicht nur fast die gesamte Nacht, sondern auch fast den ganzen nächsten Tag und die folgende Nacht und einen gar nicht eingeplanten weiteren Tag verbringen würde. Das ahnte er natürlich noch nicht, als ihm die schwarze Schönheit abblitzen ließ, aber vielleicht hätte er die Mexikanerin erst gar nicht kennengelernt, wenn sie zugestimmt hätte und das wäre auf jeden Fall ein arger Verlust und auf keinen Fall die paar Bilder mit der Schwarzen Wert gewesen. Die Mexikanerin war natürlich nicht die, die in dem Buch abgebildet war, das wäre ein zu abwegiger Zufall gewesen. Er wusste auch nicht, ob sie wirklich aus Mexiko stammte, jedenfalls sah sie der Frau in dem Buch irgendwie ähnlich und er hatte sie gleich der Kategorie Lateinamerika zugeordnet, schon als er sie zum ersten Mal sah. Sie stand vor dem Eingang des Hotels Imperial, trotz des hochtrabenden Namens und der imposanten Fassade, ein Überbleibsel aus der Zeit, in der viele Prachtbauten entstanden waren. Jetzt war es nur eine Absteige, besser gesagt ein Stundenhotel, und vor seinem Eingang warteten ständig ein paar der Damen. In diesem Beruf muss man warten können, um überhaupt nur das Notwendigste für ein karges Leben zu verdienen und auch die Mexikanerin, wie er sie für sich nannte, war eindeutig eine dieser Frauen, die sich verkaufen mussten. Sie war schon älter, er schätzte sie auf mindestens vierzig. Sie war weder groß noch schlank, aber nicht so klein und stämmig, wie ihrer afrikanischen Kolleginnen oder auch indigene Typen, die er vor allem von Fotos kannte. Sie trug einen ziemlich kurzen Jeansrock und darunter Hosen, die für irgendein Label Reklame machten. Ihre Jacke war aus billigem Kunststoff und ihre Handtasche ein verstaubt wirkendes Modell. Insgesamt war sie sehr zurückhaltend gekleidet, im Vergleich zu manchen Kolleginnen, die durch aufdringliche Make-ups, gefärbte und gestylte Haare oder knappe, sexy Kleidung Aufmerksamkeit erregen wollen. Das Faszinierendste an der Mexikanerin und der Grund, warum sie ihm nicht nur auffiel, sondern sogar ziemlich interessierte, war aber ihr Gesicht. Es erinnerte ihn sofort an das Bild auf dem Einband des neu gekauften Buchs. Es war ernst, verschlossen, geheimnisvoll und ganz eindeutig auch traurig. Sie erschien ihm auf eine seltsame Weise sowohl attraktiv und zugleich sehr traurig zu sein. Von der Hautfarbe, den schulterlangen Haaren und dem Gesichtsausdruck her, hätte sie auf jeden Fall in sein Buch gepasst und er stellte sich intensiv vor, wie er sie fotografieren würde, wenn er die Gelegenheit hätte. Er würde sicher noch bessere Bilder machen, noch eindringlichere, intimere als die in dem Buch, aber eine solche Gelegenheit würde sich sicher nie bieten. Er dachte an die junge Afrikanerin, die ihn hatte abblitzen lassen, genauso würde es die Mexikanerin tun, wenn er sie anspräche.
Er hatte sie schon von Weitem gesehen, von der anderen Seite des Platzes, an dem das Imperial stand. Er überquerte den Platz und ging, scheinbar gleichgültig, langsam an ihr vorbei. Sie schaute ihn an, machte aber nicht die üblichen Annäherungsversuche, und so blieb es bei diesem kurzen Kontakt, der eigentlich gar keiner war, aber es hatte gereicht, dass nun auch ihr Bild in seinem Kopf gespeichert war und auch der Wunsch, sie doch besser kennenzulernen. Er hatte sogar kurz erwogen, umzukehren und sie zu anzusprechen, mit ihr in das Hotel zu gehen, sie vielleicht sogar zu fragen, ob sie sich fotografieren lassen würde, aber dann ging er doch weiter und suchte sich ein Lokal für das Abendessen. Noch während er mit Essen beschäftigt war, bedauerte er, dass er es nicht getan hatte, dass er sie nicht angesprochen hatte, denn als er zurück zu seinem Hotel ging, stand sie natürlich nicht mehr im Eingang des Imperial und jemanden fragen, sich nach ihr erkundigen, gar in dem Hotel nach ihr zu forschen, wollte er natürlich auch nicht.

Es wäre eine kleine, unbedeutende Episode geblieben, wenn er der Mexikanerin am nächsten Tag nicht wieder begegnet wäre. Dieses Mal stand sie nicht im Eingang des Imperial, sondern saß am Tresen eines Etablissements mit dem seltsamen Namen „Frühaufsteher“. Er war schon in seinem Hotel gewesen, der Tag war, wie immer, anstrengend gewesen, auch nach dem Nachtessen war er noch durch einige der nachtdunklen, dadurch aber geheimnisvollen Straßen des Milieus getigert. Jetzt taten ihm die Füße gehörig weh und er war ganz froh, sich auf das Bett legen zu können. Er wollte eigentlich nur noch duschen, ein Weilchen aus dem Fenster die Nachteulen betrachten, ein Weilchen fernsehen und dann bald einschlafen. Aber da war erstens der Durst, besser gesagt, die Lust auf ein spätes Bier, der eingelegte Matjes war wohl doch zu salzig gewesen, im Hotel gab es jedoch keine Möglichkeit eins zu kaufen und er hatte weder Lust auf Wasser noch auf einen süßen Softdrink. Und zweitens war da ein Gedanke, der sich in seinem Hirn eingenistet hatte. In solch einer Stadt, dachte er, müsste es doch möglich sein, jemanden auch noch zur späten Stunde zu finden, mit dem man ein wenig plaudern könnte. Mehr wollte er ja gar nicht, nur etwas reden und dazu ein oder zwei Bier trinken. Allerdings nicht mit jedem reden, dazu hätte er nur einen der Typen auf dem Platz ansprechen müssen, ihm ein paar Euro geben müssen und schon hätte der ihn nach Belieben bequatscht. Nein, es musste schon ein attraktives, interessantes Gegenüber sein, eine Frau natürlich, nur mit denen lohnte es sich zu reden, nur die konnten auch ein paar positive, aufregende Gefühle durch ihre pure Anwesenheit erzeugen, ohne dass es gleich zu intimen Kontakten kommen musste. Er stand auf, zog die Schuhe wieder an, nahm hundert Euro aus seinem Portemonnaie und legte es in den Schrank. Es ist besser, dachte er, möglichst wenig dabei haben, falls doch noch ein Taschendieb auf der Straße war oder jemand anders, den sein gut gefülltes Portemonnaie glücklich machen konnte. Um solche Probleme zu vermeiden, ließ er auch seinen Fotoapparat im Zimmer, den er sonst immer dabei hatte. Er wollte nicht mehr viel herumwandern, die Füße hatte sich durch die kurze Ruhephase noch längst nicht erholt, und so suchte er gleich die Straßen auf, in denen er einige Lokale gesehen hatte, die infrage kamen. Er schaute durch die Fenster oder die Türen, um herauszufinden, ob sich ein Besuch lohne, ob ein Gesprächspartner in Gestalt einer einsamen Frau, die auf ihn wartete, zu sehen sei. Als er vor dem „Frühaufsteher“ stand und hinab sah, man musste in diesem Lokal vom Gehweg aus ein paar Stufen hinabsteigen, um die Bar zu betreten, fiel ihm sofort dieser Jeansrock auf, den er schon am frühen Abend gesehen hatte. Viel mehr war zunächst aus seinem Blickwinkel auch gar nicht zu erkennen, weder der Oberkörper noch das Gesicht der Frau, aber der Jeansrock und diese schwarze Hose, mit dem Aufdruck, kamen ihm sofort bekannt vor. Ohne länger zu zögern, stieg er die paar Stufen hinab und dann sah er auch ihr Gesicht und er hatte nun keine Zweifel mehr. Aber der Platz neben der Mexikanerin war belegt, jedenfalls hing auf der Stuhllehne eine Jacke. Er war etwas enttäuscht und sah sich nach einem anderen Platz um, vielleicht ergab sie später die Möglichkeit einer Kontaktaufnahme, als die blonde Frau hinter der Theke, die Wirtin oder eine Angestellte, jedenfalls jemand, der schon beim ersten Blick die Kunden einschätzen konnte, sagte, er solle sich ruhig auf diesen Stuhl setzen, den habe nur der Istvan belegt. Sie musste gesehen haben, das er erst begehrlich die Mexikanerin und dann enttäuscht den Stuhl angeschaut hatte. Sie ermunterte ihn nochmals mit einer Handbewegung genau auf diesem Stuhl Platz zu nehmen, direkt neben der Mexikanerin, die ihn jedoch ignorierte, gar nicht mitbekam, dass jemand anders auf dem Stuhl an ihrer Seite Platz genommen hatte, weil sie nur vor sich hinstarrte, auf ein kleines Glas mit einer hellen Flüssigkeit, Tequila, wie er später erfahren sollte.

Nun saß er also neben der Frau, die er vor ein paar Stunden so gerne angesprochen hätte, es aber nicht gewagt oder schlicht verpennt hatte. Und wieder ging eine seltsame Faszination von ihr aus, obwohl sie ihn immer noch nicht zur Kenntnis nahm. Sie schien ziemlich weggetreten zu sein, denn sie starrte mit ausdruckslosem Gesicht in eine ungewisse Ferne, so als ob sie Tagträumen nachging oder zahlreiche Probleme wälzen müsste. Ihr Verhalten irritierte ihn, er meinte, eine solche Frau müsse sofort jede Gelegenheit zu einer Kontaktaufnahme ergreifen, immer als Erste initiativ werden und nicht warten, bis sie angesprochen wurde. Aber er hatte ja Zeit und zumindest nun auch die Gelegenheit, die interessante Frau aus nächster Nähe eingehend betrachten zu können. Wieder ging vor allem von ihrem Gesicht eine seltsame Faszination aus. Es war von einer herben Schönheit, die Haut war ein mittleres Braun, die schulterlangen Haare sehr dicht und tiefschwarz. Er schätzte sie nun sogar auf mehr als vierzig, aber das tat der Faszination, die sie ausstrahlte, keinen Abbruch. Während er sie nun auch versunken betrachtete und sie ihn immer noch ignorierte, ergriff die Wirtin die Initiative. Sie fragte ihn, was er wolle. Ein Bier, war die Antwort. Er trank immer nur Bier, wenn er in eine Wirtschaft ging, ohne die Absicht etwas zu essen. Selbst beim Besuch einer Nachtbar, so etwas Ähnliches war dieser Laden doch, machte er da keine Ausnahme. Aber solche Bars suchte er nur höchst selten auf. Er konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal auf einem richtigen Barhocker in einer richtigen Bar im Rotlichtmilieu gesessen hatte. Wanda, eine blonde Polin aus Stettin und in den besten Jahren, stellte das Pils vor ihn hin und sagte dann zu der Mexikanerin: „Wach auf, Consuela! Kundschaft für dich.“ Er war über den Begriff Kundschaft etwas verwundert, denn im Moment fühlte er sich nicht als Kunde dieser Frau, sondern nur als Gast, der höchstens auf ein bisschen Unterhaltung hoffte. Consuela sah nun auf, sah ihn ernst an, allerdings ohne jedes Anzeichen des Erkennens und lächelte schließlich schüchtern, ein Lächeln, das er nicht erwartet hatte, weil ihre Augen dieselbe Traurigkeit ausstrahlten, wie vor ein paar Stunden, als sie noch im Eingang des Imperial gestanden hatte. Es hätte ihn viel weniger gewundert, wenn eine Frau wie sie, gleich in die Vollen gegangen wäre, die Gelegenheit zum Anbandeln sofort ausgenützt hätte. Aber nein, sie schaute ihn schüchtern an, wie ein Schulmädchen, und die Traurigkeit verlor sich auch nicht aus ihrem Blick und sie versank wieder umgehend in ihre Träume, so als ob die Störung gar nicht stattgefunden hätte. Stattdessen tauchte nun an seiner anderen Seite der Mann auf, der den Stuhl belegt hatte, ein junger, etwas verwirrt wirkender Ungar, der sich als Istvan vorstellte und ihn gleich anquatsche und sofort versuchte, ein Bier zu schnorren. Wanda versuchte ihn abzulenken und er hörte an diesem Abend noch oft die Worte: „Istvan geh Hause, du bist besoffen, lass den Mann in ruhe und auch die Consuela. Die will nix von dir, kapier endlich.“ Aber Istvan gab erst Ruhe, als er sein Bier bekommen hatte, danach interessierte ihn erst einmal gar nichts mehr, was um ihn herum geschah.

Später, im Laufe des Abends und der beiden nachfolgenden Tage, erfuhr er, dass Consuela zwar keine Mexikanerin war, aber aus Guatemala kam, also durchaus aus der Gegend, in der er sie verortet hatte. Und erfuhr auch den Grund für ihre Traurigkeit, es waren ihre beiden Kinder, die sie in der Heimat zurückgelassen hatte, um hier Geld zu verdienen. Das quälte sie sehr, denn das Fehlen ihrer Kinder machte ihr zu schaffen. Die beiden Töchter wuchsen nun in der Obhut der Großmutter auf. Aber sie hatte keine andere Möglichkeit gesehen, als in der Fremde Arbeit zu suchen, nachdem ihr Mann sie wegen einer Jüngeren verlassen hatte und in keiner Weise zum Wohle seiner beiden Kinder beitrug. Sie war nach einem Besuch von Verwandten, die in Spanien lebten, im Land geblieben, hatte sogar eine begrenzte Aufenthaltserlaubnis für Europa und versuchte auf redliche Weise Geld zu verdienen. Sie musste aber bald einsehen, dass sie nie auf einen grünen Zweig kommen würde. Als man ihr sagte, in Deutschland gäbe es viel mehr Möglichkeiten, es sei ein reiches Land, da bekäme jeder etwas von dem Reichtum ab, hatte sie es geglaubt und war nun seit zwei Jahren hier und seitdem enttäuscht, weil es auch hier nicht so einfach war. Alle Versuche, eine normale, ordentlich bezahlte Arbeit zu bekommen, scheiterten, wenn nicht an der fehlenden Qualifikation, dann an ihren fehlenden Deutschkenntnissen. Schließlich war sie gezwungen, das zu tun, was sie auch ohne große Sprachkenntnisse konnte, wenn auch immer am Rande der Legalität und immer mit der Angst, trotz einer gültigen Aufenthaltserlaubnis, abgeschoben zu werden. Mit der Zeit hasste sie es geradezu, in einem Beruf tätig zu sein, den sie nie angestrebt hatte, für den sie kein Talent besaß und dem sie somit auch ziemlich lustlos nachging. Und auch in diesem Beruf hatte sie meistens das Nachsehen, weil die aggressiven, viel jüngeren Osteuropäerinnen oder die deutlich billigeren Nutten aus Afrika ihr regelmäßig die Kunden wegschnappten. Deshalb tat sie gerade mal das Nötigste, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und regelmäßig Geld an die Oma zu schicken, um so für die Ausbildung der Kinder zu sorgen, was ihr sehr am Herzen lag und ihr die Motivation gab, trotz allem, weiterzumachen. Sie hatte aber auch nichts unternommen, um ihre Qualifikation zu verbessern und sich nach anderen Möglichkeiten umzusehen und ihre Deutschkenntnisse blieben rudimentär, denn sie hatte vor allem Umgang mit ein paar Frauen, die Spanisch sprachen, somit war sie nicht gezwungen, mehr Deutsch zu lernen, als das, was sie für ihren Job brauchte. Da sie auch nur ein paar Brocken Englisch sprach, war das eine weitere schlechte Voraussetzung für eine Karriere in diesem Land. All das waren ausreichende Gründe für ihre Enttäuschung und ihren Frust, für ihre Traurigkeit und ihre Resignation, die sie auf der Straße nicht zeigen konnte, um nicht auch noch die letzten Kunden abzuschrecken. Aber hier, im „Frühaufsteher“, ihrem Stammlokal, irritierte das niemanden, hier waren genügend Enttäuschte und Desillusionierte und hier fand sie wenigstens ein bisschen Trost und Unterstützung.

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