Möchtegern Minister

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Möchtegern Minister

Möchtegern Minister

Claudia Carl

Ich lebe jetzt im Untergrund.

Da die Lust auf der Oberfläche verboten wurde, ebenso wie alle Vorstufen wie Tanzen, Zusammen sitzen, sich nahekommen, Flirten, Trinken, Risiken eingehen, da die Menschen zu verängstigen bewegungslosen erstarrten Lemmingen gemacht werden sollen und zum großen Teil auch wurden und zwar in allen Altersstufen (erkennbar daran, dass sie sich unter freiem Himmel mit Masken auf dem Gesicht bewegen), ja also genau deshalb fröne ich meiner Lust inklusive Risikobereitschaft nun im Untergrund.

Ein Ort dafür ist die erotische Berliner Bar mit dem schönen Titel „Möchtegern“. Ich kenne sie seit vielen Jahrzehnten und habe immer, wenn ich in der Hauptstadt war, einen Abstecher dorthin gemacht. Durch geheime Informanten habe ich erfahren, dass der Lockdown dem Möchtegern nichts anhaben konnte. Es hat geöffnet, egal, was draußen nicht los ist. Man geht jetzt eben durch die Hintertür.

Ich klopfe im vereinbarten Rhythmus und die Tür wird einen Spalt breit geöffnet. Ein glattes Gesicht, eine glänzende Glatze, ein enganliegendes Lackhemd sind dahinter zu erkennen. „Hallo Tom“, sage ich. „Ich möchte gern.“ Das ist das Codewort. Es ist so naheliegend, dass es schon wieder geheim ist.

Schon nach den ersten Schritten atme ich den geliebten muffigen Geruch ein, uralte Polster und Matratzen getränkt mit Schweiß und Sperma und Muschisäften, kalter Rauch, denn auch Rauchverbote werden hier natürlich ignoriert, Alkoholdunst und Reste von Putzmitteln, mit denen ab und zu versucht wird, einen letzten Rest von Hygiene aufrecht zu erhalten. So war es jedenfalls früher immer. Seit aber diverse Hygieneverordnungen in Kraft getreten sind, werden im Möchtegern mit Absicht die für ein gutes Immunsystem notwendigen Ansammlungen von Bakterien und Viren aller Art intensiv gepflegt und das Putzmittel bleibt im Schrank. Ein Besuch hier ist also nicht nur eine Sättigung vernachlässigter Geschlechtsorgane, sondern auch ein Pimpen der Gesundheit und Abwehrkräfte.

Nachdem wir die Innenräume von hinten erreicht haben, dürfen auch meine Ohren wieder lang vermisste Geräusche genießen. Stimmen von Menschen, die reden, Frauen, die quieken und kichern, Männern, die protzen, Gläser, die aneinanderstoßen und vielversprechend klirren und einfach dieser Teppich aus unverständlichen Worten und Buchstaben, die aus Mündern kommen. Noch einmal um die Ecke biegen und auch meine Augen werden belohnt. Köpfe, Körper, Dunst und Qualm, Beine und andere Körperteile, die sich auf den Sitzen räkeln und sich ineinander verschränken. „Danke, Tom“, sage ich und er verschwindet hinter der Bar. Ich kann mich ins Vergnügen stürzen.

Erstmal mache ich einen Rundgang, schlendere sexy zur Bar – sehen und gesehen werden – und bestelle ein Tonic Water, das sieht wenigstens aus wie Alkohol, das lockt Männer an, die glauben, dass man dadurch williger wird.

Ich schaue mich in dem großen Vorraum um, in dem ich schon mit diversen Männern gesessen habe. Manchmal war es der Auftakt zu einem heißen Abend, manchmal aber war ich auch zickig und ein bisschen eifersüchtig und wollte denjenigen eigentlich nur für mich haben. Heute habe ich mit einem mitgebrachten Partner kein Problem, ich bin frei und ungebunden und das ist wunderbar. Einige Augen treffen mich, Männer taxieren mich, Paare schauen mich an, ob ich mich vielleicht für ein Dreiererlebnis eignen würde. Ich lasse alles erstmal offen und gehe nach meinem Rundgang durch den Barbereich zurück nach hinten, da wo man über ein paar Stufen nach oben gehen kann, zu den lasterhaften Lagern.

Mit Herzklopfen schreite ich die schmutzigen Stufen hinauf, gespannt darauf, was ich gleich erblicken werde. Es ist ein Fleischberg.

In der linken Ecke auf den schimmligen Matratzen ragt ein nackt nackter Riesenbauch in die stickige Luft. Der Typ, dem er gehört, hat sich auf die linke Seite gedreht und seinen Kopf auf die linke Hand gestützt. Aufgrund der Fleischmasse allerdingst bleibt der Bauch trotzdem in der Mitte. Der Mann ist oben herum völlig nackt, nur eine pink farbene Krawatte hängt locker um seinen Hals. Er trägt eine blaue Unterhose, die er unter seine Eier geklemmt hat und reibt mit der rechten Hand an seinem nur mittelharten Schwanz. Die Szene mit dem jungen Kerl und den zwei Mädchen links von ihm, an der er versucht, sich aufzugeilen, scheint nicht 100prozentig zu wirken. An den Füßen trägt er Socken, ebenfalls blau und somit passend zur Unterhose. An seiner Seite zusammengeknüllt liegt ein einstmals gebügeltes und gestärktes Herrenhemd.

Eigentlich ist mir danach, rückwärts wieder die Stufen hinunter zu gehen. Denn der Mann mit den beiden Mädchen ist zu jung, um mich ins Trio aufzunehmen, vermute ich. Und der Voyeur, nun ja. Was mich aber dann doch zum Weitergehen bewegt, sind seine Lippen. Diese dicken Lippen, die aussehen wie frisch vom Hässlichkeitschirurgen aufgespritzt, die auch noch so seltsam schief sind, als habe der Chirurg sich auf der einen Seite heftig vertan. Diese Lippen sind der Mittelpunkt des nackten Kopfes, an dem nur noch ein spärlicher Haarkranz prangt, und die kleinen Augen scheinen irgendwie falsch. Meine Wahrnehmung sagt mir, dass in diesem Gesicht etwas fehlt. Wie komme ich nur darauf? Ich klettere weiter hoch, der Fette dreht nun den Kopf zu mir und seine aufgeplusterten Lippen öffnen sich zu einem schrägen Grinsen. Wie automatisch wichst er etwas schneller, als er mich sieht. Und ich lächele. Ich lächele einladend, obwohl mir übel wird. Aber ich hatte gerade eine Erkenntnis. Der Fette ist jemand, den ich kenne. Nicht persönlich. Aber doch habe ich ihn sehr sehr oft gesehen. Und ich kenne sogar seine pinke Krawatte, denn die trägt er mit Vorliebe.

Was zum Teufel tut dieser Typ hier? Ist er wahnsinnig? Ich muss es herausfinden, koste es, was es wolle. Ich krieche zu ihm auf die Matratze. Er sabbert. „Hey, du“, sage ich sanft und lege meine linke Hand auf seinen nackten Bauch. Er schwitzt. Ich will ihn nicht gleich damit konfrontieren, dass ich ihn kenne, erstmal seine Sinne noch ein bisschen verwirren. Ich lasse meine Hand nach unten gleiten zu seinem Halbmast. Das wirkt auf ihn wie ein unvermutetes Weihnachtsgeschenk. Na, ist ja auch nicht mehr allzu lange hin bis Weihnachten, gut vier Wochen. Aber er, was macht er bloß hier? Habe ich ihn nicht eben noch zuhause bei Telegram ganz woanders gesehen? Ja, er hatte ein bisschen Stress, eine Dame hat ihn bedrängt, aber anders als hier. Vielleicht hat sie seine Gelüste geweckt und er hat bedauert, dass das so halboffiziell war mit der anderen Tussi. Und deshalb ist er abgehauen von seinem offiziellen Termin und hierher geflüchtet. Ich hasse es und könnte kotzen, aber nur so kann ich ihn öffnen, ich nehme sein Halbmästchen in den Mund. Er stöhnt auf. Das mittelkleine Ding wächst tatsächlich und der Bauch, auf dem ich meine andere Hand habe, wir immer feuchter. Ich widme mich dem Ding, als sei es wahnsinnig attraktiv und erfülle gerade meine intimsten Wünsche. Er lässt sich auf den Rücken plumpsen und wird total hingebungsvoll, fiebert sichtbar und hörbar auf das hin, was hoffentlich kommen wird.

Mein Geschmackssinn wird gerade vollkommen zerstört, irgendetwas zwischen bitter und scharf lässt mich würgen, er glaubt wahrscheinlich, das läge an der Größe seines Dings, es schwillt und schwillt bis zu einem Grad, an dem mir etwas einflüstert: Jetzt!

Ich entferne meinen Mund und robbe nach oben zu seinem Ohr. „Hey du“, flüstere ich hinein. „Was machstn du hier, solltest du nicht ganz woanders sein?“

„Mach weiter“, stöhnt er und versucht, meinen Kopf wieder nach unten zu schieben.

„Ja, natürlich, gerne, gleich mache ich weiter, freu dich schon einmal drauf“, wispere ich. „Aber verrat mir doch, bist du öfter hier?“

„Bitte blas weiter“, seufzt er.

„Wissen deine Kollegen, dass du hier bist?“

„Lass sie doch, ist mir egal, bitte blas!“

„Du hast dafür gestimmt!“

Er schreckt zusammen und will den Kopf heben, um mich genau anzuschauen, ich bin schon wieder weg, unten an seinem Ding und steigere seine Wolllust. Dann bin ich wieder an seinem Ohr.

„Warum?“ frage ich und knete dabei seinen Schwanz mit meiner Hand.

„Was warum?“ röchelt er.

„Warum hast du dafür gestimmt?“

„Ich will abspritzen!“

„In meinen Mund?“

„Jaaa.“

„Das wirst du gleich dürfen, wenn du mir sagst, warum du dafür gestimmt hast.“

„Hör doch auf mit dem Scheiß.“

„Sag mir, was dahinter steckt! Dann darfst du in meinen Mund spritzen.“

„Was soll dahinter stecken?“

„Steckt etwas dahinter?“

„Bitte blas.“

Ich blase und sauge und lasse meine Zungenspitze auf seiner Eichel kreisen, ich könnte kotzen.

„Steckt etwas dahinter?“ Meine Hand reibt jetzt auf und ab, der Mast ist knallhart.

Ich reibe fester und gleichmäßig auf und ab, das gefällt ihm. Ich spüre es. „Sag mir, was dahinter steckt, mein Schatz! Du willst doch gleich in meinen Mund spritzen…“

Er röchelt ein kurzes Wort, das ich glaube, missverstanden zu haben.

„Wie bitte, nochmal!“

„Tod“, röchelt er und ich reibe weiter hoch und runter.

„Wer?“ frage ich.

„Alle, die dagegen stimmen.“

„Schmarrn.“

„Alle, die sich öffentlich dagegen äußern.“

„Da müsste es ja schon viele Tote geben.“

„Zwei gibt es bereits.“

„Du meinst, die sind…“

„Und ob. Bitte blas.“

„Und die anderen, die dafür stimmen, die sich dafür aussprechen?“

„Kohle.“

„Panama?“

„So in etwa.“

„Wieviel hast du gekriegt?“

„Viel.“

„Lässt du dich impfen?“

„Nie im Leben.“

„Aber darfst du dann weiterarbeiten?“

„Für uns gibt s Sonderrechte. Placeboimpfung.“

Er drückt jetzt meinen Kopf mit Gewalt nach unten zu seinem Schwanz, der kurz vor dem Bersten ist. Er hat Kraft und ich kann mich nicht mehr wehren, er schiebt ihn mir jetzt richtig rein und spritzt im selben Moment ab. Als er mich loslässt, spucke ich ihm alles auf den Bauch, seine grauen Schamhaare werden schmierig. Ich ziehe mich an seiner pinken Krawatte nach oben zu seinem Kopf.

„Du Schwein!“ sage ich.

Er lässt sein schiefes dicklippiges Grinsen sehen.

„Ich muss jetzt nochmal rüber“, sagt er. „Mal schaun, ob die Wasserwerfer gute Arbeit geleistet haben.“Er rafft sein verknittertes Hemd, erhebt sich wie ein Nilpferd und steigt mit nacktem Unterleibt die Treppen runter, seufzend und stöhnend. Ich ziehe mein Handy aus meinem BH und lade die aufgenommene Sprachnachricht hoch.


(Alle Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig)

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