Doch da war der Laut schon wieder! Er konnte aber nicht lokalisieren, woher dieses eigenartige Knirschen kam. Der zugenommene Wind verursachte wohl dieses Gesäusel in den Zweigen der Eiche. Beruhigt wollte Lewin sich abwenden, als er am Rand der Auffahrt, die von einem etwas höheren Kantstein vom Graben abgegrenzt war, eine Bewegung im Schnee wahrnahm.
Er beugte sich über die Kannte und sah plötzlich eine Hand, die am Beton des Kantsteins kratzte. Das war eindeutig das Geräusch, was er schon vernommen hatte.
Er beugte sich vor, packte das Handgelenk und zog daran.
Ein dumpfer Schrei ertönte, beinahe hätte Lewin die Hand losgelassen, doch er besann sich. Vielleicht war die Person verletzt. Als er jetzt einen Blick auf die Hand warf, erkannte er, dass es eine Frauenhand war.
Vorsichtig zog er erneut an dem Arm und fragte gleichzeitig: „Sind sie verletzt?“
Nur ein leises: „Mein Bein…!“ Konnte Lewin verstehen.
Ohne die Hand loszulassen, legte er sich auf den Bauch und räumte mit der anderen Hand erst mal den Schnee weg. Es dauerte ewig, bis er endlich einen Körper ausmachen konnte. Dann legte er den Kopf frei und sah, dass die Frau auf dem Bauch in dem trüben Wasser des Grabens lag. Zum Glück war es nur wenig Wasser, da es schon lange nicht mehr geregnet hatte.
Zwei von Angst verzerrte Augen sahen ihn an.
Seine Gedanken überschlugen sich. Wie sollte er die Frau da aus dem Graben herausbekommen, wenn sie schwer verletzt war?
„Können sie mir sagen, wo sie Schmerzen haben? Ich muss es wissen, sonst bekomme ich sie noch hoch?“
„Mein rechter Arm und mein rechtes Bein tut weh, ich bin gestürzt und irgendwo gegen gefallen.“
„Ich lasse ihre Hand mal los, damit ich mich über sie stellen kann. Ich will versuchen unter ihre Achseln zu greifen, um sie hochzuheben. Es kann etwas weh tun, sagen sie, wenn es zu doll wird, sonst muss ich die Feuerwehr rufen!“
„Keine Feuerwehr, bitte!“, krächzte die Stimme leise.
Lewin stellte sich breitbeinig über den Körper und stützte sich rechts und links an der Böschung ab. Zum Glück kannte er den Graben ohne Schnee ganz gut, trotzdem versank er bis an die Knie in der weißen Pracht, aber das war jetzt egal.
Vorsichtig tastete er nach ihren Schultern, schob sein Hände unter ihren Achseln hindurch und verspürte sofort die Nässe. Die Frau lag auf dem Bauch im Wasser und musste unterkühlt sein.
„Ich versuche sie jetzt anzuheben!“, warnte er noch mal, wartete aber keine Antwort mehr ab. Er musste sie da rausbekommen, sonst war das ihr Tod!
Nach Weihnachten
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