Nachsitzen bei Madame

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Nachsitzen bei Madame

Nachsitzen bei Madame

Andreas

Antonia empfängt mich mit einem breiten Grinsen. Sie weiß, was Madame mir beim letzten Mal angedroht hat. Sollte ich wieder zu spät kommen, wäre Nachsitzen angesagt! Eine ungewöhnliche Maßnahme für eine Frau Mitte zwanzig, aber so sind die Regeln an dieser Schule. Unserer Lehrerin widerspricht keine! Wozu auch, sind wir doch alle freiwillig hier?! Dieses spezielle Institut legt seinen Schwerpunkt auf jene Fachgebiete, die anderswo kaum eine Rolle spielen. Oder kennen Sie eine Lehranstalt, die weibliche Sexualität fördert? Nein, das denke ich mir! Wenn dieses Thema überhaupt auf dem Lehrplan steht, was ich bezweifle, dient es nur dazu männliche Überlegenheit zu zementieren. Antonia stupst mich in die Seite, flüstert mir zu: „Sieh mal unauffällig zu Klara. Madame hat ihr vor Schulbeginn ein Klistier verabreicht. Suse hat es mir erzählt. Die war dabei!“

Ich bin ein bisschen schockiert, als sie mir diese Neuigkeit mitteilt. Trotzdem schau ich in Klaras Richtung. Sie sitzt mit verzweifelter Miene auf ihrem Stuhl, zappelt unruhig darauf herum. Sie hebt ihren Finger, wie es hier üblich ist, wenn man sich melden will. Madame Pétard übersieht sie, liest weiter aus Anais Nins bekanntem Werk vor: `Das Delta der Venus` ist hier Pflichtlektüre, wie anderswo `Wilhelm Tell`! Klara wedelt immer wilder mit ihrem Finger, kann nicht mehr sitzen bleiben. Einige der Mädchen kichern gehässig, machen sich über sie lustig. Madame reicht ein strafender Blick, um für Ruhe zu sorgen. Sie wendet sich nun an Klara: „Was ist denn mit Dir, dass Du so eifrig streckst?“ Klaras Wangen glühen vor Scham, als sie sich erklärt: „Madame…ich muss unbedingt nach draußen…Sie verstehen doch sicher…Ich kann nicht länger….“ Das in Not geratene Mädchen tut mir leid, wie sie mit zusammen gekniffenen Pobacken vor ihrer Bank steht. Jetzt presst sie noch ihre rechte Hand auf die Sitzfläche des kurzen Rocks, verdeutlicht damit den Ernst ihrer Lage.

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