Nachtportier

1 5-9 Minuten 0 Kommentare
Nachtportier

Nachtportier

Claudia Carl

Schwere Leiber liegen über der Zimmerdecke, schwitzen ihre Existenzen in die Betten. Sie haben den Raum erobert, atmen die Luft, die vom Frühstücksraum nach oben zieht, das Treppenhaus entlang, auf grünen Teppichen und an kalten Wänden empor. Sie haben bezahlt, um hier ihre Auren abzulegen, aus dem Holz die letzte Energie zu saugen, ihre Ausscheidungen im Röhrensystem zu hinterlassen. Gesichts-Monde gehen vor der Theke auf, begierig auf die silbernen Zimmerschlüssel, die entlang der Holzkonsole an kleinen Häkchen hängen. Ihre Augen stehen tot in der Luft, die Haare stecken strohhalmig in den Köpfen. Ihre Hirne liegen schon oben, während ihre Hand noch nach dem Schlüssel greift.
Es ist Nacht. Jeder hat seine Art, sie zu überleben. In sich hinein zu kriechen und den eigenen Herzschlag zu ignorieren. Im Dunkeln den Weg auf die fremde Toilette zu finden, Vertrauen in die kalt gestärkte Bettdecke zu versuchen, die Geräusche einer anderen Welt in Hirndateien abzulegen. Das Leben auf einer Spule aufgerollt im Gepäck, zusammengequetscht für eine Nacht, in den Schrank gelegt.
Der Nachtportier wacht über diesen Schlaf. Wer ein Problem hat, ist ein zehnfaches Kind, ein Balg, das getröstet werden muss. Es steht da mit der Macht des Materiellen, mit einem Ich-habe-ein-Recht auf Gehirnentspannung, mit einem hintergründig-traurigen Minuszeichen auf dem Konto. 240 Mark die Nacht.
Georg, genannt Schorschi, geht seinem Job mit sich entschuldigender Ruhe nach.
- Dürfte ich bitte den Namen nochmal erfahren, fragt er, wenn ein Gast den Schlüssel für sein
- Zimmernummer verlangt.
- Es tut mir leid, ich muss das fragen.
- Schon recht, würgen die Schlafdurstigen heraus.
Sie hassen es zu reden rund um die Verrichtung ihrer Notdürfte. Ruhe-Notdurft, Sich-Betten-Notdurft, am Morgen einen frischen Kaffee serviert bekommen-Notdurft. Ihre warmen Betten daheim sind weit weg in fernen Städten, wo heute Nacht ihr Haushund einsam schläft, die Zeitung unberührt an ihrem Stammplatz liegt, die lieben Gewohnheiten nicht wie sonst von der Decke tropfen. Stattdessen liegen sie auf Eis, erstarrt.
Ihr Fett-Schlieren-Triefen haben die Gäste ins Hotel gebracht, kleben es an die saubere Zimmerwand, pissen es ins Porzellanbecken, spucken es über die Teller mit Obst, die in jedem Zimmer stehn.
Staubig ist die Luft an der Rezeption. Schorschi atmet sie ein. Vor ein paar Tagen hat er Evi den Laufpass gegeben. Wie eine Furie hatte sie ihn mit Eifersucht verfolgt. Doch schon heute morgen schwappte die Einsamkeit schwer über ihn. Nur seine Gitarre leistete ihm noch Gesellschaft, als er nach Dienstschluß um 6 Uhr mit der U-Bahn zum Bahnhof fuhr, mit dem Zug nach Hause, wo er in sein altes Zimmer bei seinen Eltern kroch. Den Rolladen herunterließ und sich ins Dunkel verzog, während die Hotelgäste im Frühstücksraum jetzt die Sonne in ihre Augen blinzeln ließen.
Wie er sie hasste, diese Menschen, die ihren Schlaf auf ihm abluden. Wie ein dummer Esel zog er den Karren von 22.30 Uhr an durch die Nacht, bis um 6 Uhr früh, wenn seine Chefin, frisch ausgeruht, den Kaffee und die ersten Zeitungszeilen schon verschlungen, munter vor ihm stand. Dann durfte er davontrotten, seine altersschwache Gitarre in der Hand, auf deren heiseren Saiten er nachts einer Zukunft als großer Musiker entgegenspielte. Am nächsten Abend dann wieder reinfahren in die Stadt, ohne die warmen, feuchten Zwischenstopps bei Evi, die seine Liebeserklärungen aufsaugte wie eine in der Wüste verdorrte Pflanze. Ihn dafür in sich ließ, wo er explodierte, sich vergessen konnte. Danach aus dem Unterleib dieses Streicheln in sich verspürte, das er brauchte, um wieder unter ihnen existieren, unter ihnen vegetieren zu können. In der Hotelhalle, über sich 45 Schläfer, deren ausgeatmetes Kohlenmonoxyd ihn langsam, aber sicher vergiftete.
Drei Tage hatte er jetzt ohne Evi gelebt. Ohne ihren Kaffee in der engen Schwabinger Zwei-Zimmer-Wohnung, den sie ihm vor Dienstantritt kochte. Ohne ihr penetrantes Küssen, mit dem sie ihn jeden Abend vorwurfsvoll in eine Nacht ohne sie entließ. –Andere Frauen haben ihre Männer nachts bei sich, war einer ihrer Sätze kurz vor dem Abschied. Schorschi, frisch angekleidet, spürte wie ein siegreicher Stierkämpfer ihre Feuchtigkeit an seiner Schwanzspitze, dankte Gott und seiner Chefin für den Job im Hotel und machte sich auf und davon.
Doch schon gegen ein Uhr fehlte Evi ihm, ihre klebrige Anhänglichkeit, die er von sich weisen konnte, ihr Leiden am anderen Ende des Telefons, ihr Jaulen und Sehnen und Jammern, dass er bloß keine Hotelgästin und keine Küchenfee, nicht seine Chefin und nicht die Putz-oder Klofrau mit seinen lüsternen Augen ansehen möge. War er morgens, wenn er um 7 Uhr an ihrer Wohnungstür klingelte, schon wieder hart, so tat er gut daran, dies mit seiner übergroßen Sehnsucht und Liebe zu Evi allein zu begründen. Dann warf sie ihm ihre blauen Augen wässrig entgegen, so feucht, dass er an das Loch zwischen ihren Beinen dachte. Entblößte er ihre Brust, starrten zwei Warzen ihn ängstlich an. Zog er ihren Slip herab, um sie hilflos zu machen, war sie ein Stück zittriger, klebriger Angst, das er mit seinem Sperma weiter zukleisterte.
Soviel er Evi um seines Schwanzes Willen verziehen hatte, das mit der Gitarre war zuviel. 1500 Mark war er im Begriff auszugeben für sich und seine große Musikerkarriere. Er probierte einen Verstärker in einem Musikfachgeschäft aus. Die Gitarre, rot und sanft geschwungen, war wie immer dabei. Da klingelte sein Handy. –Du, Evi, ich kann gerade nicht telefonieren. Er legte auf, schaltete das Telefon ab.
Sie wisse genau, wo er gewesen sei, warf sie ihm später vor. Er ging.
Sein Kleiner und seine Gitarre, sie kämen schon zurecht. Auch ohne Evi.
Als Schorschi drei Abende später mit der Gitarre in der U-Bahn unterwegs Richtung Hotel war, sah er ein Rot. Ein himbeeriges, saftiges, schimmerndes Rot. Weisse Haut, fast vampirisch, trug die Dame zu ihrem auffallenden Mantel. Und ein Lächeln für ihn, ein merkwürdiges Lächeln, als er sich, die Gitarre vor sich haltend, mit seinem Blick zwischen schüchtern und servil auf den noch freien Platz schräg gegenüber ihr drängte und – Nur zwei Stationen, entschuldigend in ihre Richtung sagte.
Sie hatte nicht die U-Bahn-übliche Verschlossenheit, nicht die Geistesabwesenheit einer toten Figur, die hier nur ihren Schattenleib beförderte. Sie hatte etwas Pulsierendes, und als sie ihren schwarzen Schirm zwischen die Kniee klemmte, spaltete sich der rote Mantel über ihren schwarzen Seidenstrümpfen. Sie spannte die Beinmuskeln an, um den Stock nicht fallen zu lassen, und nach Schorschis Bemerkung blickte sie ihn an und dann versonnen lächelnd durch das U-Bahnfenster. Eine blonde Frau ihr gegenüber war durch dieses Lächeln irritiert. Doch es war nur ein kurzer Moment. Nur dieses kleine Bemerken: Etwas passt hier nicht. Etwas ist anders.
- Wenn sie weiterfährt als ich, kann ich nichts machen, dachte Schorschi. - Doch wenn sie vorher aussteigt...
Sie stand auf. Schorschis Gitarre folgte ihr. Auf dem Bahnsteig rannte sie sie fast um. Zwei grüne Augen im Lockenrahmen hielten die Frau fest. Die Gitarre spielte die Verbündete.
- Entschuldigen Sie, sagte, Schorschis kleiner begieriger Mund. – Glauben Sie, ich könnte Sie näher kennenlernen?
Die Augen der Angesprochenen flackerten, glitten von den sprechenden grünen Augen über Schorschis kleinen Herzmund auf seine Hände mit den spitz zulaufenden Fingern und dem silbernen Ring. Ein sympathischer Ring.
Sie schaute noch, als Schorschi hinzufügte
- Rot ist meine Lieblingsfarbe. Ich kanns Ihnen beweisen.
Und schon zog er den Reißverschluß seiner Gitarrentasche auf. Rot leuchtete das Instrument hervor. Die Frau senkte ihren Blick hinein, hob ihn auf. Da haftete er. Jetzt öffnete sie den Mund und fragte
- Warum?
Wieder benutzte er den entschuldigenden Ton.
- Sie gefallen mir, sagte er, wackelte mit dem Kopf.
Tut mir leid, ich falle vor Ihnen auf die Kniee, ich bete Sie an, wenn ich Sie nur berühren darf, fügten seine grünen Pupillen hinzu.
Die Gedanken der Frau hüpften hin und her. Ein staubiger U-Bahnsteig, ein junger Mann, eine etwas ältere Frau (Wohin fahren Sie jetzt? Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?), ein gelber Freitag Abend, auf den rotes Blut tropfte. Gefräßigkeit in ihrer Gebärmutter.
- Was soll ich tun, Ihnen meine Handynummer geben?
- Nur, wenn Sie wollen.
Wohin fahren Sie? Lehel. Oh, da arbeite ich. Heute Nacht. In einem Hotel. Ich finanziere mir mein Musikstudium. Liebigstraße. Werden Sie mich besuchen? Heute Abend?
- Vielleicht, sagte die Frau.
Ja. Essen, endlich wieder einmal essen. Hunger drang aus jeder ihrer Poren, Hunger, der roch, der Tiere auf ihre Fährte lockte. Hunger vom Mund hinab in einen endlosen Rachen, der bis ans andere Ende ihres Körpers reichte. Ein leeres Röhrensystem, das verschlossen werden musste, gestopft, gekittet, bevor es zum Schlund würde, der alles Männliche um sich herum verschlang.
Mit Eulenblick starrt er, als sie vor die Holztheke tritt. Es ist 23.30 Uhr.
- Grüß Gott, hat sie beim Hereinkommen gerufen. –Haben Sie noch ein Zimmer frei?
- Grüß Gott, hat er zurückzuckend geantwortet.
Dann hat er sie erkannt, sich erhoben, seinen Strickpullover jungenhaft über die schmalen Hüften fallen lassen.
Sein Haar streichelt sein Gesicht, obwohl er es mit einem Haargummi zurückgebunden hat. Eine kitzelnde Durchblutung macht sich in seinen Beinen breit. Sie legt ihren Mantel ab.
- Komm doch hinter die Theke, fordert er sie auf. Der Fernseher läuft leise.
- Möchtest du etwas trinken, fragt er, ohne den Kopf zu heben. Seine Blicke kleben an den schwarzen Strümpfen fest.
- Du bist sexy, haucht er. Seine Worte kringeln sich in seinen Locken, tanzen in die Ohren der Frau. Sie wird hautig, ein zartes Rose zieht über alles, was an Nacktheit aus ihr schaut.
- Ich möchte schöne Sachen mit dir machen.
Er beugt sich über ihren Stuhl, tänzelt mit seinem Mund vor ihrem.
- Gibst mir a Bussi?
Sie weitet die Augen gierig und saugt seine Lippen in sich auf.
- Warum tust du das? fragt er, besoffen von seinem Erfolg.
Sie zieht seinen Hals zu sich herunter.
Es wird ein Fressen.
An der Rezeption.
In der Eingangshalle.
Im Frühstücksraum.
Auf dem Sofa.
Auf dem Teppich.
Im Flur zu den beiden leeren Zimmern.
Und auf den angewärmten Laken in Zimmer 410, zurückgelassen vom Strohhalmhaargast, der die blubbernde Heizung nicht ertragen und ein anderes Zimmer bekommen hat. Sie schlingen einander in sich hinein, sättigen sich.
Auf den Laken liegt Schorschi vor ihr, schaut aus seinen Haaren hervor zu ihr hinauf.
- Werden wir uns wiedersehen? fragt er.
- Vielleicht, sagt sie.
Es wird langsam hell.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 3960

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben