Sie führten angeregte Gespräche über die Unterschiede zwischen westlicher und fernöstlicher Lebensweise, stritten über den Sinn und Unsinn deutscher Einwanderungspolitik und diskutierten über Japans ambivalentes Verhältnis zur Atomenergie. Nachdem sie sich in den vergangenen Nächten körperlich näher gekommen waren, lernten sie sich jetzt intellektuell kennen. Doch am Abend bevor Kevin entlassen werden sollte, wartete er zu seinem grenzenlosen Bedauern vergebens auf sie. Die Nachtschwester, die an ihrer Stelle kam, wusste auf seine Frage lediglich zu berichten, die Japanerin habe sich freigenommen.
»Vielleicht ist es wirklich besser so.« dachte er, als er morgens seine Sachen packte. Zumindest Bastian ließ es sich nicht nehmen, ihm seinen Rollkoffer bis zur Eingangshalle zu ziehen. Kevin dankte ihm für seine Hilfe. Gerne hätte er sich auch bei Chisato bedankt, doch sie war in keinem Tagesdienstplan eingetragen. Er setzte sich auf eine Bank, um auf das bestellte Taxi zu warten. Wehmütig dachte er an die furiosen Nächte, die sie ihm geschenkt hatte. Ein leises Geräusch hinter ihm ließ ihn aus seinen trüben Gedanken aufschrecken. Dieses Klackern hatte er doch schon irgendwo gehört! Irritiert drehte er sich um. Chisato stand hinter ihm. In ihrem lila Jersey-Sommerkleid mit dem verspielten Schlüssellochausschnitt hätte er sie fast nicht wiedererkannt. Sie hielt die Schnur mit der Ben-wa zwischen Daumen und Zeigefinger und ließ die beiden Kugeln hin- und herschwingen. Sie waren es, die das Geräusch verursachten.
Kevin sprang auf und lief hinter die Bank, blieb aber auf halbem Wege verlegen stehen.
„Wolltest du mich nicht schon vor Tagen in die Arme nehmen? Wo ist der Gipsverband, der dich daran hindern könnte?“, ermunterte sie ihn. Gerührt schloss er die zierliche Japanerin in die Arme. Seine so lange zur Tatenlosigkeit verurteilten Hände streichelten ihr duftendes Haar, ihren Rücken, ihre Wangen.
„Warum bist du gekommen, Chisato?“
„ich dachte, du könntest eine private Nachtschwester gebrauchen - und gutes Personal ist heutzutage verdammt schwer zu bekommen …“
Nachtschwester
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