Nähe

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Nähe

Nähe

Marc R. Kuhn

Er ist dir zu nahe.
Zu nahe mit den Augen, die dich bannen. Zu nahe mit seinem Duft, der dir eine leichte Gänsehaut beschert. Zu nahe mit seinen Lippen, die du schon auf deinen spüren willst.
Zu nahe um klar zu denken.
Nahe genug, um von Verlangen überwältigt zu werden.
So das es eine Erlösung und ein Verlust ist, als die Fahrstuhltüren sich öffnen, und euch beide im gemeinsamen Drängeln mit dem Rest der Kollegen auf den Büro Flur entlassen.
Du gestattest dir zu atmen, und fragst dich zum hundertsten Mal, ob es ihm auch so geht.
Hoffst im Geheimen, das es für ihn eine ebenso süße Folter ist wie für dich.
Zu Begehren und nicht zu bekommen.

Du bist enttäuscht, als sich heute die Kollegen zwischen euch schieben.
Euch auseinander drängen und dir die die ersehnte Erregung nehmen. Diesen Moment am Tag, der dir immer wichtiger und geheimnisvoller geworden ist.
So wichtig, dass deine Laune schon droht ins Bodenlose zu kippen.
Bis du zu ihm hinüber blickst. Und vergisst zu atmen, als du ihn dabei ertappst dich anzusehen.
Ihr könnt beide gar nicht schnell genug den Blick abwenden, nur um euch gleich selbst dumm zu schimpfen. Auffälliger hätte man auch nicht zum Ausdruck bringen können, dass man ganz bewusst seinen Blick hat ruhen lassen.
War das Enttäuschung gewesen, die du da in seinem Blick gesehen hast? Oder wolltest du nur die eigene gespiegelt sehen.

Nach all der Verwirrung durch einen einzigen Blick, ist es dir fast unangenehm, als ihr diesmal wieder eng beieinandersteht.
Verlegen wandert dein Blick überall hin, nur nicht zu ihm. Nicht zu ihm, der schon wieder all deine anderen Sinne erregt mit seiner Nähe.
Doch als euer Stockwerk näherkommt, kannst du nicht anders. Du siehst ihn an.
Und er dich.
Ihr wendet euch nicht ab. Lasst den Kontakt bestehen.
Und erst als du angerempelt wirst, als alle aus dem Aufzug strömen, merkst du, dass ihr angekommen seid.

Dieser eine Blick hatte dich den ganzen restlichen Tag beschäftigt. Was hatte er nur bedeutet?
Das Gefühl eine Grenze überschritten zu haben kannst du nicht abschütteln.
Ebenso wenig die Erkenntnis, das aus einem süßen Traum mehr geworden ist.
Deswegen ist dein Blick ein wenig fragend , ein wenig ängstlich und ein wenig fordernd als er wieder vor dir steht.
Seine Antwort ist ein Blick, aus dem die Unsicherheit schwindet. Und ein Lächeln, das sie bezaubernd ersetzt.
Dein eigenes Lächeln spiegelt sich in seinen Augen.

Fast schmerzhaft nah.
Zu nah für euren inzwischen vertraut gewordene Flirt mit den Augen.
So nahe, das du seinen Atem auf der Wange spüren kannst als er dir zugewandt neben dir steht.
So nahe, das du erst denkst es war ein Zufall, als seine Hand die deine berührt.
Erst als seine Finger sich um die deinen legen, gestehst du es dir ein.
Und schließt kurz die deinen um die seinen.
Bis ihr wieder auseinander gerissen werdet…

Das Streicheln seiner Finger, von Tag zu Tag mutiger, erfüllt dein Denken und Sein.
Das Spiel dir nichts anmerken zu lassen, wenn er deine Hände, deine Arme, heimlich und diskret bei eurer gemeinsamen Fahrt jeden Morgen liebkost, sein Bemühen dich dabei versagen zu lassen, wird zum definierenden Moment deiner Tage.
Die Regeln verschwimmen, als er jeden Tag ein wenig weiter geht. Du dir jedes Mal noch ein wenig mehr erhoffst.
Und beginnst ihn zu reizen.
Ein Blick hinter langen Wimpern, mit Unschuld unbehaftet. Ein tieferer Ausschnitt. Ein kürzerer Rock.
Deine Finger, die seine einfangen und streicheln.
Ihr gehört euch. Jeden Morgen. Für diese eine Fahrt.

Du hustest, um dein Stöhnen zu kaschieren, als seine Hand unter den Saum deines Rocks gleitet.
Glaubst es erst nicht so richtig. Hast nicht erwartet, dass er hier soweit gehen würde.
Und bist dir erst sicher was passiert, als seine Finger über dein Höschen streicheln, und du dein Verlangen nach ihm nicht verstecken kannst. Erst recht nicht, als du deine Schenkel um sie schließt und dort hälst, bis du ihn wieder gehen lassen musst, als die Türen sich öffnen.

Du konntest nicht schlafen. Konntest dich nicht beherrschen. Hast dich erst auf Arbeit und dann Zuhause immer wieder dort berührt wo seine Finger mutig waren.
Vielleicht lag es an der Übermüdung, vielleicht an der wachsenden Sehnsucht und dem Frust sie nicht erfüllt zu bekommen.
Aber deine Neugier, wie er auf dein Geschenk reagieren würde, als du dich bewusst mit dem Rücken zu ihm vor ihn stellst, dich von den Kollegen nur zu gerne an ihn drängen lässt und dann einfach abwartest, ist nicht gerade winzig.
Dir gelingt es, vorbereitet, deinen Ausdruck neutral zu halten, als seine Finger zielstrebig dorthin wandern, wo er am Vortag unwillig von dir wieder hatte ablassen müssen.
Und erst sein: „Oh Gott…“ als er deine nackte, unbedeckte Scham berührt, lässt dich zufrieden lächeln. Bis du selbst dir auf die Zunge beißen musst, um nicht etwas sehr Eindeutiges von dir zu geben.

Dein Herz klopft bis zum Hals, als du den Flur entlang gehst, während der Aufzug sich hinter dir schließt. Bist dir unsicher was du machen sollst.
Die Worte deiner Kollegin, geflüstert und mit einem Lächeln auf den Lippen: „So spannend das alles ist, aber kommt endlich zur Sache.“, bevor sie dir zugezwinkert hat, haben dich aus der Bahn geworfen. Haben dich wieder zum Denken gebracht. Was machst du eigentlich?
Erst als du deine Bürotür zuziehen willst, seine Hand dich solange davon abhalten bis er mit hindurch geschlüpft ist, merkst du, dass er dir gefolgt ist.
Das leise Schnappen des Schlosses, sein Lächeln. Seine Worte: „Sie hat völlig recht, weißt du?“
All das reicht. Die Unsicherheit schwindet.
Ihr seid euch herrlich nahe, als eure Lippen sich finden.

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