Nelly zieht sich aus

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Nelly zieht sich aus

Nelly zieht sich aus

Anita Isiris

Es ist dies eines der größten ungelösten Geheimnisse menschlicher Interaktion: Wieso eigentlich wird die Männerkehle beim Anblick einer ganz normalen weiblichen Brustwarze trocken? Der Puls geht bei ihnen hoch, die Augen weiten sich... vermutlich sind unsere nackten Brüste der männlichen Gesundheit zuträglich. Die Frage, wieso ausgerechnet der Nippel das männliche limbische System derart durcheinanderwirbelt, ist für mich bis heute ungeklärt. Im nächsten Leben werde ich wohl Sexualneurologin – oder Neurosexologin, falls es diesen Beruf dann zu mal geben wird.
Nelly war ausgesprochen scheu. Wir gelangten gemeinsam auf den großzügigen Bauernhof, und mir weitete sich das Herz ob der sanften Kuhaugen, die mir aus einem der Ställe entgegen blickten. Ich wollte einfach mal was anderes machen, als immer nur Bücher archivieren, in staubigen Hörsälen rumhängen oder mich Männern zur Verfügung stellen, um mir ein kleines Zubrot zu verdienen.
Das zwischen Nelly und mir war Liebe auf den ersten Blick. Sie wirkte derart süß in ihrem sonnen- gelben T-Shirt und dem wirren blonden Lockenhaar, dass ich nicht anders konnte, als sie ins Herz zu schließen. Ich bin ja eher der griechische, dunkle Typ (vom Kopf- übers Achsel- bis zum Schamhaar), während Nelly dieses Nordische, Erfrischende hatte. Sie kam aus Nordrhein–Westfalen und wollte, wie ich, dem drögen Alltag entrinnen und ein paar Wochen hier, im Züricher Oberland, auf einem Bauernhof verbringen.
Nelly war Backwarenverkäuferin und ich konnte mir sie sehr gut vorstellen, mit zarten Händen Hefeteig knetend, Bananen schälend und Geld zählend. Nelly erotisierte mich total, und mich irritierte dies, hatte ich mir doch vorgenommen, diese raren Wochen in Askese zu verbringen, früh- morgens aufzustehen, Kühe zu striegeln, Vollkorn zu essen und mir frische, noch melkwarme Kuhmilch zu Gemüte zu führen.
Empfangen wurden wir beide von Martha Lenz, der gutmütigen Bäuerin mit dem breiten, schönen Gesicht. Sie sah genau so aus, wie ich mir die klassische Bäuerin immer vorgestellt habe, mit gestreiftem Rock, der sich über dem gewaltigen Busen spannte, geflochtenem Haar und unregelmäßigen, und doch hübsch-neckischen Zahnreihen. Wie alt sie wohl sein mochte? Martha Lenz war ausgesprochen flink, und ehe wir es uns versahen, die Nelly und ich, stand eine große Kachel mit melkwarmer Kuhmilch vor uns, und unsere Gesichter verschwanden in den Tongefäßen.
„Theo ist mit dem Traktor unterwegs“, informierte sie uns. Das Paar war leider kinderlos geblieben, wie Theo und Martha Nelly und mir bereits über Facebook mitgeteilt hatten. Ihre größte Freude war es daher, im Spätsommer junge Frauen zu beherbergen, die gegen Kost und Logis beim Jäten, bei der Traubenlese und beim Zäune Bauen mithalfen. Für mich jedenfalls war diese Aussicht wesentlich attraktiver, als wenn ich den Sommer auf einer Alp hätte verbringen müssen, weitab jeder Infrastruktur, umgeben von stinkenden Ziegen.
Nelly sagte kein Wort und schaute mich mit großen Augen an. Ich bin eine Spezialistin der Konversation und brachte das Gespräch rasch einmal auf den Hof, der mir sehr gut gefiel, meine Motivation, aus Zakinthos hierher zu kommen, und meine Erwartungen und Hoffnungen an die Folgewochen.
Martha Lenz war ausgesprochen freundlich, verwöhnte uns mit Käse, dunklem Brot und noch mehr Milch. Sie schien es zu mögen, dass wir zulangten, die Nelly aus Nordrhein-Westfalen und die Anita aus Zakinthos. Wir hätten unterschiedlicher nicht sein können, die Nelly und ich, und mein Herz klopfte beim Gedanken, sie schon bald näher kennen zu lernen.
Martha Lenz ging vor uns her eine schmale Treppe hoch, die sich im Hinterzimmer befand und in ein dunkles Loch führte. Sie knipste Licht an – tatsächlich! Dort oben gab es Strom. Kurz darauf standen Nelly und ich im süßesten Zimmer, das man sich vorstellen kann. Eine blau geblümte Lampe hing von der Decke, zwei zierliche Kommoden schmückten die Wände, und darauf standen frische Kornblumen. Der mittelgroße Spiegel würde für uns beide reichen, für die Nelly und für mich, wenn wir uns vor dem ins Bett Gehen oder beim Aufstehen kurz begutachten wollten. Da standen zwei Betten. Nelly und ich würden uns also den Raum teilen. „Schön“, sagte Nelly mit ihrer freundlichen, hellen Stimme. Nur dieses eine Wort. „Schön“. Ich hätte sie umarmen können, das kleine Sonnenschätzchen aus Nordrhein-Westfalen. Bestimmt liebten die Männer sie über alles. Was Theo, der Mann von Martha Lenz, von ihr halten würde?
Martha ließ uns Zeit zum Auspacken und Einräumen. Wir holten unser spärliches Gepäck – ich hatte tatsächlich nichts anderes dabei als zehn Slips, fünf BHs, Strümpfe, einen warmen Pullover, vier Paar Jeans und einen Stapel T-Shirts. Hinzu kamen die üblichen Toiletten-Artikel und zwei Bücher, das eine davon wog schwer. Es handelte sich um ein neueres Werk von T. C. Boyle, meinem Lieblingsschriftsteller. Ich hatte den Eindruck gehabt, das Buch könnte hierhin passen. Heimlich beobachtete ich Nelly beim Einräumen ihrer Sachen. Sie hatte einen entzückenden kleinen Hintern, und wenn sie sich streckte, um ins obere Schrankregal zu gelangen, sah ich ihre schwarz gemusterten Strümpfe. Was war nur mit mir los? Ich kannte Nelly ja überhaupt nicht, und trotz meiner lesbischen Neigungen hatte ich mich eigentlich, gerade was Frauen angeht, sehr gut im Griff.
„Ich zieh mich noch rasch um“, sagte Nelly leichthin. „Recht hast Du“, sagte ich zu ihr. Klar. Sie wollte die Reiseklamotten loswerden und legte sich einen hübschen rosa Trainingsanzug auf dem Bett zurecht. Sie schlüpfte aus ihrem gelben T- Shirt. Wäre ich ein Mann, hätte sie sich keineswegs derart unbefangen bewegt. Schon nur diese Tatsache erregte mich ungemein. Das Prickeln zwischen meinen Beinen wurde stärker. Ich legte mich aufs Bett und starrte zur Decke. Lange hielt ich es nicht aus. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, wandte ich meinen Kopf in die Richtung, wo Nelly stand. Sie trug keinen BH und war obenrum nackt. Was für herrliche, herrliche Brüste! Schokobraune Brustwarzen, die wie zwei Haselnüsse hervortraten. Meine lieben Götter! Zeus, Jesus, Poseidon und wie ihr alle heißt! Welch ein Naturwunder wurde da erschaffen! Gut, konnte Nelly nicht Gedankenlesen. „Ich teile zu Hause mit meiner kleinen Schwester auch ein Zimmer“, sagte sie. Ich stellte mir vor, wie sie in Nordrhein-Westfalen lebte, mit Blick auf die Nordsee, gar auf Just oder Norderney vielleicht, in einem aufgeräumten kleinen Zimmer, mit blau karierter Bettdecke, und wie sie manch- mal auf dem Bett lag, im gelben Slip, ein Buch in der Hand, und sich geistesabwesend durch die Seiten blätterte.

Lesen Sie die Geschichte im neuen Buch "Reisen zum Mittelpunkt der Lust" von Anita Isiris weiter.
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