Neue Hoffnung

Hochhausromantik - Teil 4

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Neue Hoffnung

Neue Hoffnung

Yupag Chinasky

Nur ein Andenken war wohl unbewusst hinterlassen worden, eine leere Tetrapacktüte Orangensaft auf dem Fensterbrett in der Küche. Er wollte kaum glauben, dass das ein Zufall war. Sonst fand er nichts, was auf die beiden Frauen hingewiesen hätte. Sie hatten alles, wirklich alles mitgenommen. Nein, doch nicht alles, denn ein Erinnerungsstück gab es noch, abgesehen von der Couch mit der roten Decke, die zum Mobiliar gehörte, wie auch die Schrankwand, selbstverständlich ohne Fernseher. Es war das scheußliche und doch so sehr mit Erinnerungen belastete Bild über der Couch, das Bild der beiden Afrikanerinnen mit den spitzen Brüsten. Er stellte sich davor und betrachtete es lange und fast wären ihm die Tränen gekommen. Aber dann riss er sich los und wandte sich den praktischen Problemen zu. Es müffelte etwas im Wohnzimmer und er öffnete das Fenster. Der Ausblick vom achten Stock war allein schon die halbe Miete wert. Er hatte diesen Blick immer genossen, wenn er bei Jessi gewesen war und schon damals hatte er bedauert, dass die Wohnung keinen Balkon besaß. Was stand als Nächstes an? Malern, tapezieren, neue Möbel? Nach einigem Hin und Her kam er zu dem Schluss, dass eigentlich kaum etwas verändert werden musste und dass er das auch gar nicht wollte. Die Wohnung sollte bleiben, wie er sie in Erinnerungen hatte. Nur eine gründliche Reinigung, die war sicher nötig. Dann ging er zum Auto, holte seine Sachen und fuhr anschließend in den Supermarkt, den, in dem er Jessi zum ersten Mal begegnet war. Er kaufte Lebensmittel, Toilettenpapier, Müllbeutel, einen Packen Wischtücher, was man eben so braucht in einem Haushalt und je eine Flasche Rioja und Riesling, denselben, wie damals, er musste nicht lange nachdenken.

Langsam gewöhnte er sich an das neue Leben, allein in einer kleinen Wohnung. Er war noch ein paar Mal mit dem Bus zu seinem Haus, seinem früheren Haus, gefahren und hatte sich Dinge geholt, die er brauchte oder die er vermisste.

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