Neue Nachbarn

29 16-25 Minuten 0 Kommentare
Neue Nachbarn

Neue Nachbarn

Wulff Triebsch

Katja schaute sie verlegen an und erklärte zu meiner Überraschung, dass sie und Björn für einige Zeit verreisen müssten, schon sehr bald. Zuletzt gestand sie, dass sie bereits am nächsten Tag abreisen würden. Mich beschlich ein schmerzendes Gefühl von Abschied, ja sogar von Trennung. Marion schaute verzweifelt Björn an.
Nach ihrer Abreise warteten wir mit wachsender Ungeduld auf ihre Rückkehr. Als auch nach mehr als zwei Wochen das Haus neben uns leer blieb, wurden wir unruhig und befürchteten, dass ihnen etwas zugestoßen war. Ich fragte vergeblich bei der Polizei nach, bei den Behörden und staunte, wie wenig Angaben ich zur Person Katjas und Björns den Beamten mitteilen konnte. Die Idee, sich beim Makler zu erkundigen, der unser Nachbarhaus an sie verkauft hatte, brachte uns einen Schritt weiter. Von ihm erfuhren wir, dass Katja und Björn das Haus nicht gekauft, sondern nur vorübergehend angemietet hatten. Jetzt stand es zur Weitervermietung wieder zur Verfügung. Wenn ich einen Interessenten wüsste, könnte er sofort einziehen oder es auch kaufen.
Marion bat mich immer wieder, alles zu unternehmen, um doch noch herauszufinden, wo sich Björn und Katja aufhielten. Vielleicht bestand noch eine kleine Chance, sie wiederzusehen. - Alles blieb ohne Erfolg.

Eines Tages bemerkte ich vor dem Haus unserer Nachbarn eine Frau mittleren Alters mit Sonnenbrille; ihre dunkelbraunen Haare hatte sie hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ich trat neugierig an sie heran: „Interessieren Sie sich für das Haus?“
„Nein, nein“, erwiderte die Frau. „Ich suche Katja und Björn. Sie waren lange Zeit unsere Nachbarn und wir verstanden uns ... “, sie zögerte und errötete, „... wir hatten ausgezeichnete nachbarschaftliche Beziehungen. Mein Mann und ich wollen sie unbedingt wiedersehen. Können Sie uns helfen?“
Ich erzählte ihr, dass auch wir die beiden suchten, und begann zu ahnen, was mich mit dieser Frau verband: Die ‚gut nachbarschaftlichen Beziehungen‘, die auch sie und ihr Mann zu Björn und Katja gepflegt hatten. Die Frau nahm ihre Sonnenbrille ab, musterte mich lange, unsere Blicke trafen sich; wir lächelten einander zu. Sie öffnete eine Einkaufstasche, holte einen roten Apfel hervor und reichte ihn mir. „Davon können Sie so viel haben wie Sie wollen. Wir haben einen ganzen Baum voll mit reifen Äpfeln, die gepflückt werden müssen. Kommen Sie doch mal bei uns vorbei.“ Ich bedankte mich, ergriff nicht nur den Apfel, sondern gleich ihre Hand. Sie lächelte mir augenzwinkernd zu. „Am nächsten Wochenende hat auch mein Mann viel Zeit“, sagte sie fast flüsternd.
„Ja, wir kommen!“, erwiderte ich, und wir tauschten unsere Adressen aus. Als sie mit ihrem Wagen meinen Blicken entschwunden war, las ich auf der Visitenkarte ihren Namen und schloss die Augen: Sie hieß Vera! Ich strich zärtlich über die Schale des Apfels, küsste ihn und biss hinein. Er schmeckte süß und der Saft tropfte von meinen Lippen. - Die Suche nach Katja und Björn hatte endlich ein erfolgreiches Ende gefunden.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 48571

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben