“ „Nicht einmal die paar Cent für eine Plastiktüte“, fragte er erstaunt. „No. No penny any more.“ Bei diesen Worten fühlte er sich an Auslandsreisen erinnert, wenn er vor dem Rückflug im Duty-free stand und seine letzten Münzen zusammen kramte, um noch einen billigen Kaugummi oder eine Tafel Schokolade zu erstehen. Aber das war eine völlig andere Situation. Er wollte ihr gerade anbieten, eine Tüte zu kaufen, als sie ihm zuvorkam. „Wenn Sie helfen tragen, ich gebe Geld zurück. Come with me to my place, you know.“ Sie wohne ganz in der Nähe, in dem Hochhaus da drüben, das man von hier aussehen könne. „Im achten Stock“ fügte sie hinzu, als sie ihre Sachen in seine Tasche packte. Dann ging sie hinaus auf die Straße und er folgte ihr.
Das Hochhaus machte denselben verkommenen Eindruck, wie das ganze Viertel. An den Wänden prangten Schmierereien, im Flur standen Fahrräder und Kinderwagen. Zum Glück gab es einen Aufzug, klein und quietschend und ebenfalls mit Graffiti verschmiert. Als er die Tür aufzog, schlug ihm ein undefinierbarer, unangenehmer Geruch entgegen. Abgestandene Pisse vermutete er. „Achter Stock“, sagte sie, „aber das weißt du ja schon.“ Sie war spontan zum Du übergegangen, bisher hatte sie in ihrem schlechten Deutsch Sie gesagt. Er nahm die Gelegenheit wahr, seinen Namen zu nennen. „Jessica“, sagte sie darauf, „my name is Jessica. I am from Ghana. Call me Jessi. It is anyway not my real name. My real name is difficult for you. You can it neither pronounce nor remember.”
Im kleinen Flur der Wohnung herrschte ebenfalls Unordnung. Jede Ecke war belegt, mit Schuhen und Umzugskartons, mit einem prall gefüllten Mülleimer, mit Kleidern und Jacken, die an der übervollen Wandgarderobe hingen. In dem großen Spiegel begrüßte ihn das Bild eines verschwitzen, älteren Mannes mit Brille, schütteren Haaren und deutlichem Bauchansatz, der sich einen Moment neugierig selbst anschaute, dann weiter seine Umgebung musterte.
Orangensaft
Hochhausromantik - Teil 1
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Orangensaft
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Ähhh… Verständnisfrage:
schreibt erikzion