Paris, wie es atmet

2 14-23 Minuten 0 Kommentare
Paris, wie es atmet

Paris, wie es atmet

Chloé d'Aubigné

Die Sonne begann, die Stadt zu erfüllen, als Élodie in die Rue Saint-Honoré einbog, in Jeans, weißen Sneakers und einem schlichten T-Shirt. Keine teure Handtasche, die ihr Vater designt hatte, kein Lippenstift, keine auffälligen Accessoires, die die Kameras magisch anzogen. Lediglich ein dünnes Armband aus Weißgold baumelte an ihrem Handgelenk. Und eine Sonnenbrille, die trug sie auch. Hinter dieser fühlte sie sich doch ein wenig anonymer und sicherer. Sie hatte ihr Haar locker zusammengebunden und kam sich für einmal wie eine Passantin unter vielen vor – kein Gesicht, das man erkennen, kein Name, den man flüstern würde.
Ein leiser Wind trug Kaffeearoma und die Süße warmer Croissants durch die Gassen. Sie ließ den Duft auf sich wirken, fast dankbar für das Ungezwungene dieser Minuten. Ihr Vater hätte den Spaziergang vermutlich „unangemessen unbeschützt“ genannt. Das war eine seiner Lieblingsphrasen – und eine derer, die sie am meisten hasste.
Élodie genoss es, einfach nur so durch die Straßen zu ziehen, ohne anderen Plan als den, den Tag zu genießen, die Sonne auf der Haut zu fühlen und das Gefühl von Freiheit ganz tief in sich aufzunehmen. Immer wieder blieb sie stehen, betrachtete Schaufenster, ließ ihren Blick wandern, über Menschen, Geschäfte, einfach das Leben. Andere Leute ließen auch ihren Blick über sie wandern, doch niemand sah doppelt hin. Vielleicht, dachte sie, lag genau darin eine seltsame Schönheit – dass sie endlich unsichtbar war.
Vor der Ecke eines kleinen Cafés stand ein Musiker, der mit seiner Geige gegen die lärmende Stadt anspielte. Eine klagende Melodie überstieg den Lärm der Motorroller. Sie blieb stehen, griff in die Tasche ihrer Jeans nach Münzen und warf sie in den Hut. Der Musiker sah kurz auf, lächelte dankbar, konzentrierte sich dann aber wieder auf seine Musik.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 326

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben