Parkplatzliebe

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Matthias von Schramm

Es lag lauwarme Abendluft im Anbetracht der Bedingungen. Der Schatten eines schlanken Kopfes mit bis zu den Schultern reichenden Haaren war unmittelbar neben Jonathan spür- und sichtbar. Es roch nach Mülltonneninhalten, verwegen, verbissen, aber auch leicht unverbindlich. Die Auflösung des tagelangen autobahnen in komprimierten Rastplatzgeruchseinheiten. Die Butterbrote mit Schmelzkäse, die Jonathans Mutter immer für Schulausflüge gemacht hatte, rochen ähnlich. Jonathan sah sich vorsichtig um, damit er die Frau, die ihn ansprechen wollte, ansehen konnte. Sie wischte sich Milch vom dünnen blonden Damenflaum auf der Oberlippe. Sie war dunkel und etwas über zwanzig; in der Hand eine Straßenkarte ans Handgelenk kippend. Sie öffnete die Karte, entfaltete ihre Frage und biß von einem blutroten Apfel ab. Jonathan sah auf den Kartenzeichen die Gebirge ihrer gut proportionierten Brüste, die in sichtbaren Knospenformen unter dem ärmellosen Sommerhemd gipfelten. Ihre schmalen, aber scharf gezeichneten Lippen waren sehr hell geschminkt und bewegten sich mit vorsichtiger Mechanik. Ihre leise, dunkel anmutende, fast heisere Stimme überflog das Rauschen der abseitigen Thermoskannenwelt, die sich über die Automotoren legte. Kein Motor der über Gebühr aufheulte. Fast kühlte ein Ozean da hinten auf der Straße die Luft.
Die junge Frau streckte ihre linke Faust ins Kreuz, verzog Lenden und Mimik und erklärte, dass sie nun schon acht Stunden unterwegs sei und sie langsam ankommen wolle. Ihr japanischer Kleinwagen mit perspektivisch interessanten Schattenbeulen parkte schräg hinter Jonathans geliehener Familienlimousine. Wie angehangen und fast ein Zeichen für das Ende später Sommertage. Sie, Julietta hieß sie, bedankte sich für zwei ruhige Worte von Jonathan, auch wenn er ihr keineswegs eine bessere Route vorschlagen konnte. Am besten sinnbildlich im Straßengraben eine Rauchen und auf angekommenere Zeiten hoffen, schien sie auszudrücken. Ihre graden, nach langer Fahrt vorsichtig tastenden Beine standen unter einem kurzen Jeansmini braungebrannt im tiefstehenden Sonnenrot.
Merkwürdig sich so abseits der grünen Hügel, der Sprache des Bekannten, dem Wort der inneren Sicherheiten zu verlieben, wie Jonathan spürte. Dieses Mädchen war nur ein fahriger dunkler Blitz, ein italienisches Aufheulen, nicht intensiv schön, aber oberflächlich gesehen, alles was dieses Sommerende ausdrücken wollte. Dabei hatte sie nur einen italienischen Vater, der ihr zu diesen Tang verholfen hatte, dennoch drückte sie etwas von dieser Lebensart florentiner Schönheiten aus. Der seinen Blick nicht von ihr ablassende Jonathan hatte noch nie eine Florentinerin gesehen. Aber seine Phantasien bauten kleine geschichtliche Türmchen, wie Zwiebelgebilde in Bayern. Er spannte in Sekundenschnelle unnachvollziehbare Legenden um Julietta. Sie nahmen Platz auf zwei niedrigen Verkehrs beruhigenden Pollern aus Holz. Sie kippelte mit den Korksohlen ihrer Schuhchen, warf die Beine nervös umher. Im Hintergrund schlugen sich ein paar Geschäftsleute fast lautlos, bereits der blauen Jacketts entledigt. In weißen Hemden und bunten Krawatten suhlten sie sich auf ihren Geschäftswagen mit Navigationssystemen und hauten sich die Köpfe blutig. Die Herren, allesamt um die dreißig suchten ihre Hippievergangenheit abzulegen und entrissen sich die Symbole ihrer früheren Diskussionsnächte. Wasserpfeifen gingen krachend zu Bruch.
Bei ihren Kippelbewegungen auf dem Poller schob sich der Saum von Juliettas Minirock immer höher, bis die braungebrannte Zone an die Grenze einer helleren traf und im Grenzbereich eine Linie deutlich sichtbarer Häärchen sich nach innen weiter fortsetzte wo ein Slip zu vermuten war, ähnlich weiß wie ein Blatt Papier, was noch nicht zwischen Füller und Tinte atmet und im rot der untergehenden Sonne wohl einen rosanen Ton haben mußte. Sie schloß die Augen, ließ etwas Wind durch die dunklen Haare gehen und lehnte sich zurück.
„Ist das hier nicht der Parkplatz für spontan sexuell Suchende?“, fragte Julietta. Jonathan zuckte mit den Achseln, aber da sie die Augen zu hatte antwortete er mit JA!

Die Schlagader in ihrem Bauch schien zu stark pochen. Weich, gewitzt, entgegnend, jugendlich. Er berührte mit der Hand sacht ihren Bauch, mit der anderen die Innenseiten ihrer Schenkel.
„Schade, dass wir uns nicht schon kennen!“, sagte er, „irgendwie“, fuhr er fort, „ist das immer schade!“ Sie öffnete das braune dunkle Feld ihrer Augen, die dem Sonnenrot wach entgegen leuchteten.
„Doch woher sollte mensch sich kennen, wenn mensch so verschieden ist?“, fragte sie und begegnete mit aller Kraft Jonathans Händedruck auf ihrer Haut. Sie warf den Kopf zurück, streckte den Hals nach vorne und dachte sich, wie wunderbar es wäre, wenn Hingabe immer diese Selbstverständlichkeit hätte. Sie spürte gar nicht, dass seine verschwitzte Arbeit an ihrem Leib hastig wurde, er sie mitnahm und aufhob und sie entblößt den Schattenwurf der gemeinsamen Triebe erlebte. Hemdchen war hochgeschoben über die strammen hellen Auenhügel mit ihren tiefbraunen Knospen, so dunkel wie die Fältchen direkt unter ihren Lidern. Rock und in der Unachtsamkeit eingerissener Slip waren unten auf den Fesseln der nackt in Schuhchen gesandeten Parkplatzstaubfüße gelandet. Sie war umhüllt von seinem Blick auf ihre plötzliche Erscheinung, nur ihr Arsch der nun am Blech ihrer Autotür lehnte, war kalt.
Drum schreckte sie kurz auf aus ihrer beinahen Besinnungslosigkeit, nahm sich den Ernst aus ihren für ihr Alter sehr erwachsenen Zügen und küsste Jonathans Verschlingen mit freudigem Lächeln.
„Es wäre schön, wenn Du mich mit richtig schweinischen Gedanken hier nehmen könntest!“ flüsterte sie heiser, während seine ganze Hand zwischen ihren Beinen verschwand und die Klaviatur vieler Möglichkeiten durchspielte.
In ihren Worten steckte dieses „an Ort und Stelle!“, was die plötzliche Begegnung zu einem magischen Moment zu machen schien. Er stieß sie mit ihrem Wagen, sozusagen das Mädchen und ihr Auto, was ihm heldenhafte Glücksmomente machen sollte. Der Dreck auf den Scheiben des Japaners erzitterte, die im Fahrtwind zermatschten Insekten, die auf der Windschutzscheibe eine Kruste gebildet hatten, zerplatzten. Jonathan umklammerte ihre Brüste, drückte sie fest an sich und genoß die Unmittelbarkeit von ihrem nun warmen Arsch auf seiner Wampe, der den herab tropfenden Schweiß seiner Bauchhaare aufsaugte. Der ebenfalls von Schulter bis Knie entblößte Jonathan mit Beinkleidern Ober- und Unterwäsche in den Kniekehlen spürte eine Hand auf seine Schulter klopfen. Sie wirkte kühl und bizarr, Jonathans Geschlechtsteil flutschte in diesem Moment aus der tiefen und angenehm glatten Mösenenge des Mädchens. Jonathan sah sich um, erschrocken und kalt. Juliettas Blick folgte, sich dabei beinahe den schlanken Hals verrenkend.
Während die Reste der Entsaftung auf Jonathans Schuhe tropften stand ein uniformierter Parkplatzwächter mit blauer Uniform vor ihm. Er lupfte seine Mütze, kratzte sich am Hinterkopf und formulierte durch seinen Schnauzer, dass Jonathan wohl übersehen habe, dass er einen Behindertenparkplatz benützt. Jonathan entschuldigte sich übereilt, während er sich ankleidete. Der Mann meinte freundlich, dass er noch einmal drüber hinwegsieht, wenn er den Platz jetzt freimacht. Jonathan nickte erleichtert. Er sah sich um. Doch unbemerkt war das Mädchen schon fortgefahren. Er fand einen Zettel unter dem Wischer seiner Windschutzscheibe vor:
Es war schön mit Dir! Erzähl Robert aus Wien davon – dieser Sau!“

(für Robert aus Wien)

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