Er war immer sehr pünktlich. Nur heute schien das nicht so zu sein. Irgendetwas stimmte nicht, nur was sollte ich tun? Ich war hilflos und schön langsam wurde es ungemütlich auf dem Stuhl. Mein Smartphone klingelte und vibrierte, nur eben außer Reichweite auf dem Wohnzimmerbuffet. Nach mehrmaligen Anrufen mobil, klingelte das Festnetztelefon und der Anrufbeantworter sprang an. Hörbar mitgenommen erzählte mein Ehemann, dass er in einem Auffahrunfall stecke und es länger dauern könne, bis er nach Hause kommt. Ihnen im Bus sei zwar nichts passiert, aber weiter vorne lande gerade der Rettungshubschrauber auf der Autobahn. Und dann noch die Frage, ob bei mir alles in Ordnung sei, weil ich nicht erreichbar bin.
*
Es dauerte tatsächlich zwei Stunden, bis ich seinen Schlüssel im Schloss hörte. Verflogen war die sinnlich aufheizte Stimmung. Ich hatte mich als verruchter Vamp präsentieren wollen, der selbstbewusst umfassende Zuwendung in Phantasie und Leidenschaft einforderte. Die Fessel entbindet mich ja von jeder eigenen Initiative und er darf - und muss - das Gelingen allein arrangieren. Stattdessen hing ich verkrampft, mit schmerzendem Kreuz und halb abgestorbenen Gliedmaßen ziemlich lächerlich in diesem Folterwerkzeug von Stuhl. Zweimal schon hatte ich auf den Boden gepinkelt, weil ich mir ja noch meine große Tasse Kaffee gegönnt hatte, bevor ich zur Tat schritt. Ich war ein Häufchen Elend.
Der Gesichtsausdruck meines Gatten war schlicht unbeschreiblich. So saß ihm noch der Schreck in den Knochen angesichts des tragischen Unfalls, doch auch die Sorge um mich, weil ich nicht geantwortet hatte. Der erste Blick auf die unwirkliche Szenerie ließ ihn erkennen, was er durch die Widrigkeit der Umstände verpasst hatte, und dass mir der Sinn nur noch nach Erlösung aus meiner selbst verschuldeten Bedrängnis stand. Ich fühlte mich wie ein Schulmädchen und wie eine klapperige Oma zugleich, nur nicht als verführerische Ehefrau.
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