Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Kaffeehausgeschichten

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Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Leni Trattner

Aber es wirkt, als hätte er es noch nie bemerkt. Zumindest hat er es sich noch nie anmerken lassen, noch nie auf mich reagiert.
Ich habe noch nie mit ihm gesprochen, weiß nicht einmal, wie er heißt. Habe seine Stimme immer nur gehört, wenn sie entweder die übliche Bestellung tätigt oder nach der Rechnung fragt. Habe ihn auch nie außerhalb dieses Kaffeehauses gesehen – und mir käme nie die Idee, ihn zu verfolgen. Er fasziniert mich, aber ich würde ihn nie verfolgen. Nie in seine Welt außerhalb dieses Kaffeehauses eindringen.
Aber doch, ich weiß so viele Dinge über ihn. Ich weiß genau, wie er den Löffel hält, mit welchen Fingern und wie sanft. Ich weiß, wie sich in seinem Hals der Adamsapfel kurz bewegt, wenn er trinkt. Und wie er dann, wenn er die Tasse abstellt, immer ein wenig glücklicher aussieht. Kein offensichtliches Lächeln, aber es ist, als wären die Mundwinkel einen Millimeter weiter oben. Als wären seine Augen ein wenig lebendiger. Und ich weiß vor allem, dass er keinen Ehering trägt.
Einmal habe ich gezählt, wie viele Züge er braucht, um seine Melange zu beenden. Zehn. Immer aufgeteilt in je fünf mal zwei Schluck. Seitdem zähle ich manchmal seine Züge – und gelange immer zu diesen Zahlen. Danach legt er den Löffel ab, immer im gleichen Winkel. Es hat etwas Feierliches, fast Rituelles.
Meistens wähle ich einen Platz ihm schräg gegenüber, sodass ich ihn betrachten kann, wenn ich vorgebe, meinen Blick durch den Raum gleiten zu lassen. Seine leicht ergrauten Schläfen, seine wachen Augen, seine feine Haut. Er hat kein klar fassbares Alter. Seine Hände sind noch jung, in seinem Gesicht sind nur kleine Fältchen um seine Augen zu sehen. Keine Lachfältchen, er würde nicht lautstark lachen. Eher Entspanntheitsfältchen.

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