Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Kaffeehausgeschichten

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Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Leni Trattner

Seine Finger sehen aus, als hätten sie noch nie etwas tragen müssen, aber könnten doch zupacken, wenn etwas wert wäre, gehalten zu werden.
Ich stelle mir manchmal vor, er würde den Blick von seinem üblichen Beobachten der Außenwelt abwenden, ihn heben, nur leicht, und mich bemerken. So, als wäre ich ein Gedanke, der ihm eingefallen ist. Ich denke dann, dass er mich erkennen würde – so wie ich ihn erkenne.
Ich frage mich, ob er mich jemals wahrgenommen hat, vielleicht sogar nicht nur als variabler Teil des Interieurs hier, sondern als Frau. Ob er sich schon mal gefragt hat, was ich wohl tue, wenn ich nicht hier bin. Vielleicht sieht er mich gar nicht, kann mich aus irgendeinem Grund gar nicht sehen. Vielleicht ist diese Perfektion, die ihn umgibt, kein Schutz, sondern ein Gefängnis.
Aber manchmal wünsche ich mir, ich könnte ihn aus diesem Gefängnis holen. Mit meinen Worten. Mit meinen Händen. Mit meinem Atem.
Ich stelle mir vor, wie es wäre, seine Haut zu berühren. Bin mir sicher, dass ich erst sehr behutsam sein müsste, nichts überstürzen dürfte. Erst würde ich nach seiner Hand greifen, diese dann gemeinsam mit meiner zu seinem Gesicht hochführen. Sanft würde ich über seine Wange streicheln. Dies möchte ich so gerne tun. Möchte spüren, ob seine Haut so weich ist, wie sie aussieht. Keine Bartstoppeln sind sichtbar, er ist immer so perfekt rasiert. Und diese Perfektion möchte ich fühlen.
Ich wüsste gerne, ob ich bereits damit seine Ruhe brechen könnte. Oder wenn ich ihn küsse, ohne Vorwarnung, in Gegenwart des perfekt ausgerichteten Löffels und des halb gegessenen Kipferls, wie jetzt gerade. Ganz ohne Vorwarnung.
Ich denke darüber nach, während ich selbst den Kaffee anhebe, heiße Milch auf meiner Zungenspitze. Er würde sie so nicht trinken, denke ich.

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