Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Kaffeehausgeschichten

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Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Leni Trattner

Er würde sie beherrschen, die Wärme, nicht zulassen, dass sie ihn trifft. Ich aber – ich lasse sie zu, wie alles, was brennt.
An manchen Tagen wird es unerträglich. Dann male ich mir aus, wie er sich bewegt. Nicht hier, nicht am Tisch. Sondern über mir, in einem Zimmer, das nicht ganz aufgeräumt ist. Ich sehe, wie seine Adern sich spannen, wie die makellose Frisur endlich nachgibt. Sein Gesicht, jetzt nicht mehr still, sondern lebendig, mit einem Ausdruck, den nur die Lust hervorbringen kann – dieses rohe, unkontrollierte Etwas, das kein Kaffeehaus verträgt. Sein Atem gegen meine Wange, sein perfekter Hemdkragen zerdrückt.
Ich streife in Gedanken meine Beine aneinander unter dem Tisch, kaum merklich, ein fast unschuldiges Zittern, während draußen eine Straßenbahn vorbeifährt.
Ich stelle mir vor, wie ich den ersten Knopf seines Hemdes öffne, den ganz oben. Ein Knopf, der bei anderen Menschen stets offen ist. Einen Knopf, den er jedoch hier im Kaffeehaus nie öffnen würde. Wie seine Finger kurz zu diesem wandern, um sich zu vergewissern, dass er wirklich offen ist. Wie er sich schon beinahe nackt fühlt, da er nun dem ersten Schritt, ihn auszuziehen, zugestimmt hat. Er braucht kurz, um sich zu fassen. Doch dann ist er sich sicher, dass er all dies auch will. Sein Atmen wird tiefer, doch auch unregelmäßiger. Irgendwo zwischen Aufregung, Anspannung und Lust. Dann zieht er mich an sich, ohne ein Wort. Seine Ruhe ist noch da, aber sie ist kurz davor, in Brand gesteckt zu werden. Ich spüre sein Gewicht, seinen Geruch – nicht Parfum, sondern Haut, Wärme und ein Hauch von Seife. Ich würde alle weiteren Knöpfe öffnen, Stück für Stück, und ihn ausziehen. Schicht für Schicht. Jedes Stück, das fällt, würde ein Stück Kontrolle von ihm nehmen, bis seine Eleganz nackt vor mir steht: die glatte Brust, die sich hebt, die feinen Muskeln unter der Haut, die sich anspannen, wenn ich mit den Fingerspitzen darüberfahre.

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