Ganz ohne das Schutzschild seiner Perfektion. Und ich – ich würde ihn halten, gerade so fest, dass er weiß, dass er seine Balance verlieren darf, dass er endlich er selbst sein darf, auch wenn dies kein perfektes Er ist.
Der Gedanke lässt mich zittern. Ich nehme einen Schluck von meinem Kaffee – kalt geworden, aber süß.
Ich frage mich, ob er merkt, was ich mit ihm tue, hier im Stillen, in meinen Gedanken. Und doch in aller Öffentlichkeit, ja eigentlich in seinem Blickfeld. Ob irgendwo in ihm etwas auf mich reagiert, als hätte meine Fantasie, ungehört, den Weg zu ihm gefunden. Ob er irgendwo fühlt, dass jemand diese Gedanken hat. Und ob durch seinen Kopf manchmal ähnliche Gedanken huschen. Vielleicht sogar mit einer Frau, die mir ähnlich sieht.
Ich sehe sein Profil, die Linie von Hals und Kragen, das sanfte Licht auf seiner Wange. Und dann stelle ich mir vor, was passieren würde, wenn er sich jetzt einfach umdrehen würde – wenn er mir in die Augen sehen würde, lange, wissend. Ich würde nicht fliehen. Ich würde lächeln. Ganz ruhig. Und er würde verstehen. Vielleicht würde er sich erheben. Vielleicht würde er kommen. Vielleicht würde ich ihn endlich berühren. Vielleicht würde er endlich meine Hand nehmen, mich einfach wortlos zu sich nach Hause führen und dort würde ich seine unbeherrschte Seite kennenlernen.
Ich stelle mir alles so deutlich vor, dass die Grenze verschwimmt. Ich rieche den Kaffee, fühle die Wärme seiner Haut, den leisen Duft seiner sauberen Wohnung. Es ist, als wäre ich schon dort – obwohl ich nicht einmal weiß, wo dort ist.
Und dann merke ich, dass er aufsteht. Dass er zahlt. Ich sehe, wie er seinen Mantel nimmt, den Kragen glattzieht, das Tablett mit der Kaffeetasse und dem Teller noch wenige Millimeter korrigiert, damit es nun perfekt auf dem Tisch steht – in demselben präzisen Winkel wie immer.
Er geht. Ganz ruhig. Wenn er, wie heute, einen Mantel trägt, scheint selbst dieser seine Ruhe zu übernehmen und schmiegt sich ganz harmonisch um seine Schritte.
Ich atme aus, langsam. Der Stuhl ist leer, nur seine Aura schwebt immer noch über dem Tisch und all den Dingen, die so perfekt angeordnet auf ihm liegen. Ich schaue ihm nach, bis die Tür hinter ihm zufällt. Und damit ein Stück Ordnung und Perfektion aus dem Kaffeehaus – aber auch aus meinem Alltag – verschwunden ist.
Und ich weiß, während ich an meiner Tasse nippe und der letzte Rest vom Milchschaum der Melange an meinen Lippen klebt, dass ich diese Perfektion in meinem Leben nie erreichen könnte, dass diese Art von Kontrolle mir fremd ist, einfach nicht zu mir passt. Aber es ist etwas, das mich reizt. Und wovon ich hoffe, dass ich es eines Tages in der lustvollsten Art zerstören darf. Am besten noch heißer und intensiver als in all meinen Tagträumen.
Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken
Kaffeehausgeschichten
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Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken
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