Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Kaffeehausgeschichten

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Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Perfekte Ruhe, unordentliche Gedanken

Leni Trattner

Ich sehe ihn fast jedes Mal, wenn ich komme. Derselbe Tisch, derselbe Platz. Immer leicht seitlich zum Fenster, als wollte er einen möglichst guten Blick auf die Stadt haben, um sich zu vergewissern, dass noch alles in Ordnung sei. Es ist auch immer dasselbe, das er bestellt, natürlich ohne seine Beobachtung der Stadt zu unterbrechen. Seine Stimme, die ich inzwischen mitsprechen könnte, klingt dabei stets ruhig: „Eine Melange und ein Briochekipferl mit Zucker, bitte.“
Der Kellner nickt, um dies zu bestätigen. Und ich nicke innerlich mit, um mir zu bestätigen, dass alles gleich ist. Wie jedes Mal beginne ich, ihn neu zu beobachten, obwohl ich dasselbe sehe. Die exakte Falte im Hemd. Der saubere Kragen, ebenfalls perfekt gebügelt. Die Farben wechseln sich ein wenig ab. Mal ist das Hemd weiß, mal hellblau oder auch ganz dezent rosa. An manchen Tagen ist es gestreift, aber meistens ist es, wie heute, uni. Das glänzende Leder der Schuhe, so peinlich gepflegt, dass selbst das Licht sich darin diszipliniert spiegelt. Wenn die Schuhe Schnallen haben, sind diese stets wie neu. Als hätten sie nie die Straße gesehen. Die Hände – lange, elegante Finger, die das Brioche so vorsichtig brechen, als wäre dies eine medizinische Präzisionsarbeit. Und die es doch so routiniert erledigen, als wäre es das Natürlichste der Welt. Jede Bewegung kontrolliert und elegant. Als hätte er von Kind an gelernt, wie man Gebäck möglichst manierlich bricht und dabei möglichst wenig bröselt.
Ich kann nicht anders, als an das Wort „Perfektion“ zu denken, wenn ich ihn sehe. Er hat einfach etwas an sich, das mich unglaublich anzieht – und gleichzeitig auch lähmt. Auf jeden Fall etwas, das es mir unmöglich macht, meinen Blick von ihm zu lösen. Ja, ich muss mich zwingen, ihn nicht anzustarren.

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