I
Wieder einmal wird der Zug so richtig voll. Ausgefallene Bahnen, Baustellenumleitungen: Immer mehr Menschen drängen in den Zug. Nur gut, dass ich frühzeitig da war und einen Sitzplatz ergattert habe. Eine sehr aparte Frau in meinem Alter setzt sich neben mich. Als sich der Gang füllt und die Menschen längst nicht mehr umfallen können, wendet sie sich mir zu: „Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen näherkommen muss“. „Kein Problem“ sage ich, denke aber: „Da könnte ich mir Schlimmeres vorstellen“ oder auch „Wozu diese Armlehne… Ich habe nichts gegen Körperkontakt“.
Obwohl nicht mehr ganz jung, sieht die Frau umwerfend aus. Flotte Frisur, eine sportliche Figur. Sie erinnert mich an eine leider vor Jahren pensionierte Mitarbeiterin. Die hat mir immer schon gefallen. Ähnlich klein und sportlich, geschmackvoll und ansprechend wie die aktuelle Nachbarin. Ich klappe die Armlehne nach oben. Die stört. Ich will so viel Körperkontakt wie möglich. Die Frau ist kurz irritiert, lächelt mich dann aber an. Unsere Arme begegnen sich. Ich kann ihr Parfüm riechen. Sehr geschmackvoll! Ich lasse mein rechtes Bein nach rechts fallen. Das ergibt Tuchfühlung. Beim ersten Kontakt ziehe ich mich kurz zurück, um es immer wieder zu machen. Nach einer Weile habe ich das Gefühl, sie hält es mit ihrem linken Bein genauso. Irgendwann saugen wir uns aneinander fest. Der eine drückt intensiver, was mit einem Gegendruck beantwortet wird. Ein herrlicher stummer Dialog. Als ich mit der Aufmerksamkeit mal wieder von da unten auftauche, höre ich Gesprächsfetzen um mich herum. Ärger über die Sch…Bahn, mit er es immer schlimmer wird, Handygespräche, Alltagsgeplapper. Nichts Wesentliches. Da tauche ich gerne wieder in mein ‚Gespräch‘ ein. Auf meinem Schoß habe ich meinen Rucksack. Als alle Plätze gefüllt sind und so unübersehbar viele Menschen zusteigen, will ich ihn bei mir haben.
Phantasien unterwegs
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