Polinas Höschen

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Polinas Höschen

Polinas Höschen

Anita Isiris

Holger war nur im ersten Moment nervös. Kurz sah er sich im Wohnzimmer um und stellte trotz der fortgeschrittenen Zeit fest, dass jedes Möbel noch immer am gewohnten Platz stand. Die zwei Strassenlampen, deren eine Neonröhre flackerte, lieferten genügend Licht, dass er sich vorbereiten konnte. Die Tür, die über die Veranda nach draussen führte, hatte er mit Leichtigkeit öffnen können, weil Polina noch immer nicht begriffen hatte, wie man sie einbruchsicher abschloss.

Ob sie alleine schlief? Alles andere hätte Holger überrascht – so kurz nach der dramatischen Trennung. Noch immer erinnerte er sich an die an ihn gerichteten Schimpfworttiraden, die zu der gebildeten und zierlichen Frau so gar nicht passen wollten. Holger versicherte sich, ob das Taschenmesser tatsächlich in seiner Hosentasche steckte und wusste gleichzeitig, dass er zum letzten Mal in seinem Leben hier war.

Dann holte er tief Luft und trat aus dem Wohnzimmer hinaus in den mit Tonplatten ausgelegten Korridor. Er erschrak ob dem Geräusch, das seine eigenen Schuhe verursachten und beschloss im selben Moment, die Sache nicht zu lange hinauszuzögern.

Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Polina schlief, wie immer, in der Embryonalstellung. Der Mond beleuchtete ihr tiefschwarzes Haar, das übers Kissen ausgebreitet war. Dieser Anblick rührte Holger so sehr, dass er beinahe eine Kehrtwendung gemacht und die Wohnung auf dem selben Weg verlassen hätte, auf dem er in sie gelangt war. Das Leintuch hatte Polina bis zu den Schultern hochgezogen.

Ob sie noch immer, wie jeden Sommer, oben ohne schlief? War sie etwa gar... gänzlich nackt? Holger verdrängte den Gedanken sofort, weil er nicht wusste, wozu er im Stande gewesen wäre, hätte er erst einmal damit angefangen, sich die Details vorzustellen. Polinas grüne Augen, die sie so weit aufreissen konnte, wenn sie in Panik war. Ihr grosser Mund, der ihn so angezogen hatte in all den Jahren. Ihr weiches, stets duftendes schwarzes Haar. Ihr schlanker Hals. Die abfallenden Schultern. Die winzigen Brüste mit den zwei milchschokoladefarbenen Zwiebelknöllchen. Polinas flacher Bauch. Der helle Flaum im Bereich ihres Nabels. Polinas gepflegte, epilierte Muschi. Die stets sichtbaren inneren Schamlippen, die von den grossen Labien nur unvollständig umschlossen wurden. Polinas endlos lange Beine. Die schlanken Fesseln. Die weichen, kleinen Füsse mit den zumeist lackierten Nägeln. Rosa. Orangefarben. Mintgrün mit Goldpünktchen. Polinas Spleen. Jaja, das war Polina. Holger atmete schwer.

Er hätte es rasch tun können, ohne grössere Umstände, beschloss dann aber, sich doch ein wenig Zeit zu lassen, doch ein wenig zu geniessen. Polina wähnte ihn in Australien, genauer, in Coober Pedy, der bizarren Kleinstadt mitten im Outback. Dort wollte er ja auch hin, in eine der unterirdischen Wohnungen, die deren Besitzer einigermassen vor der unerträglichen Hitze schützten. Holger war sowieso ein Untergrundmensch, einer, der Verzweigungen liebte, gleich einem Maulwurf. Mit Maulwürfen hatte er eine weitere gemeinsame Leidenschaft: Er war Sammler. Dazu aber später.

Holger nervte sich ob seiner Erektion. War das denn die Möglichkeit? Er hatte doch abgeschlossen mit dieser Schlampe, sollte sie sich doch vom lieben Gott ficken lassen, oder vom künftigen amerikanischen Präsidenten. Und doch war da noch dieses elende, nie zur Ruhe kommende Bauchgefühl. Irgendwann würde Polina erwachen, klar. Ihn anstarren aus grünen Augen. Zu einem Schrei ansetzen, einem Schrei, den er ihr allerdings verunmöglichen würde.

Darauf war er vorbereitet. Holger wollte Polinas Seele. Ihr Inneres, ihr Geheimnis, das so rasch keiner lüften würde. Dann erstarrte Holger. Er stand ja noch immer an ihrem Bett, als sie sich plötzlich zu ihm drehte. Die Matratzenfedern quietschten. Für einen Augenblick war Polinas linker Nippel zu sehen. Holger kämpfte um Beherrschung. Nicht nur die Situation spannte ihn an – die Tatsache, dass er sich in seiner eigenen Wohnung befand, die ihm jetzt verwehrt war – sondern vor allem die erotische Komponente.

Er stand im Schlafzimmer, im Allerheiligsten einer ahnungslosen Frau, die sich in Sicherheit wähnte. Holger machte ein paar Schritte auf ihre Schlafstatt zu und setzte sich an die Bettkante. Nachdenklich betrachtete er das Bild, das seit Jahren am Kopfende hing. Klimt. Der Kuss. Mittlerweile fast zu bekannt, um noch Wirkung zu erzielen. Und doch... die Innigkeit der beiden sich Vereinenden rührte ihn jedes Mal. Holger war kein gefülloser Macker, nein. Er war sensibel – allerdings etwas zu anfällig für weibliche Reize, als dass eine Frau wie Polina dies ertragen hätte.

Sogar ihren besten Freundinnen hatte er den Hof gemacht, und Brigitte war ihm erlegen. Brigitte lieferte die Initialzündung zur Trennung, war gewissermassen die Spitze des Eisbergs gewesen. Darauf kam es jetzt aber auch nicht mehr an.

Holger spürte, dass er sie noch immer liebte, die Polina, und er wollte unbedingt, dass sie mitbekam, dass er jetzt, um 00:45 Uhr morgens, an ihrer Bettkante sass. Er berührte ihre Halsschlagader im Bereich des Glomus Caroticus, derjenigen Stelle also, die den menschlichen Blutdruck steuert. Drückt man lange genug, kommt es zu Bewusstlosigkeit und zu Sauerstoff- respektive Glucosemangel im Gehirn. Das ist wohl der Grund, dass uns die Evolution mit einem Reflex gesegnet hat. Berührt jemand unseren Glomus Caroticus, selbst wenn wir uns im Tiefschlaf befinden: Wir reissen in Panik die Augen auf.

Polina riss in Panik die Augen auf. “Ruhig, nur ruhig, Süsse”, wisperte Holger. “Ich bin´s ja nur, und ich möchte es mir holen.” “Wovon... sprichst Du?” Polinas Zunge klebte am Gaumen. Sie schoss in die Höhe und sass kerzengerade in ihrem Bett. “Du bist schön, wenn Du Angst hast”, sagte Holger pathetisch und fasste den oberen Rand des Leintuchs, das sie bis an den Hals hochgezogen hatte, um sich zu schützen. Während er energisch daran zerrte, machte er ihr Komplimente über ihr matt glänzendes Haar. “Du bist doch in... Australien... das ist... doch... nicht wahr... das ist... doch... ein übler Traum.” “Kein Traum, Schätzchen, kein Traum.”

Ihre Angst erregte ihn aufs Neue. Kräftemässig war er ihr bei Weitem überlegen, und um diese Nachtzeit würde ihr ihr Schreien nicht helfen. Das nächste Haus war 100 Meter entfernt. Trotzdem warnte er sie. “Wenn Du schreist, mache ich Dich kalt”, hörte er sich sagen, obwohl ihm eigentlich nichts lieber war, als eine warme, liebende, geile Polina. Eine Polina, die ihn, und wenn es zum letzten Mal war, an sich heran liess. Energisch zerrte er das Leintuch ganz herunter und entblösste Polinas Oberkörper. “Ist es wirklich das, was Du willst?”

Anscheinend hatte sie einen Teil ihrer Fassung wieder gewonnen. Der Mond beschien ihre Haut, die fast durchsichtig wirkte, wie Alabaster. Wie ein Verdurstender starrte Holger auf die Zwiebelknollenmilchschokoladenippel. Er hätte mit Polina jetzt alles machen können – ob mit oder gegen ihren Willen, spielte doch keine Rolle. Hauptsache, Holger kam auf seine Rechnung, ein letztes Mal, bevor er sich von Berlin verabschiedete und in die endlosen Tiefen von Coober Pedy abtauchte, wo er von dubiosen Börsengeschäften zu leben gedachte, auf sichere Distanz zum Finanzamt.

Dann griff Holger in seine Hosentasche, zog das Messer heraus und öffnete die grösste Klinge. “Tu jetzt genau, was ich Dir sage”, zischte er. Jetzt war er nicht mehr der sentimentale Lover, sondern der eiskalte Verbrecher. Der Mond verschwand hinter einer Wolke und liess Klimts Kuss im Dunkeln. Holger setzte die Klinge an Polinas Hals und riss ihr den Kopf mit seiner Linken nach hinten. “Wie mancher hat Dich in diesem Bett schon gebumst, Luder?” fragte er sie mit blitzenden Augen. Polina schwieg und wimmerte leise. Diese feinen, kleinen Nasenlöcher... Polinas geöffneter Mund mit den schönen, perlweissen Zähnen... ihr reizvolles Philtrum, die kleine Hautfalte zwischen Nase und Mund... Polinas Hals, dieser schlanke, wunderbare Hals, die abfallenden Schultern... Polinas Schlüsselbeine, die im Mondlicht deutlicher als sonst zutage traten... Polinas Tränen, die aus smaragdgrünen Augen flossen... aber Polina schrie nicht. Sie war starr vor Schreck, so starr, dass Holger das Messer weglegen, sie mühelos unter den Armen hochheben und aufs Bett werfen konnte.

Sie trug den weissen Slip, den er ihr vor Jahresfrist zum Geburtstag geschenkt hatte. Die Wolke hatte sich längst verzogen, der Mond liess Polinas Haarflaum um den Nabel aufleuchten, wie ein Schatz, gleich einem Opal aus Coober Pedy. Eine feine Delle in Polinas Schritt liess Holger vermuten, dass sie noch immer totalrasiert war. Gleich würde er Gewissheit haben. Seine Hände zitterten, als er sich an die Arbeit machte.

Er durchtrennte den Stoff von Polinas Höschen mit seinem Messer, nahm es an sich, legte es sorgfältig zusammen und schob es in die Jackentasche. Dann warf er einen letzten wehmütigen Blick auf Polinas kleine, von den grossen Labien kaum verdeckte Schamlippen, sprang auf, wandte sich grusslos von Polina ab und verliess zum allerletzten Mal ihre Wohnung.

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