Rechtsanwälte küsst man doch

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Rechtsanwälte küsst man doch

Rechtsanwälte küsst man doch

Lovis Wünsche

Montagmorgen.
Ein wenig nervös, war sie heute schon eine halbe Stunde früher in die Kanzlei gekommen. Sie hoffte ihn, noch bevor die Kollegen kommen, zu sehen. Leider war ihre Hoffnung umsonst. Sie bekam ihn nicht zu Gesicht. Also stürzte sie sich wieder mit ihrer gewohnten Gewissenhaftigkeit in die Arbeit. Nach und nach kamen auch die Anderen, sie grüssten kurz, oder zwinkerten ihr bewundernd, wegen des Einblicks in ihre leicht geöffnete Bluse, zu. Nur die Bürohäschen, wie sie sie nannte, schauten eher verächtlich und tuschelten untereinander: „Die ist doch viel zu fett um sich so zu zeigen, was bildet die sich ein.“
Es machte ihr nichts aus, das zu hören. Sie dachte an seine Komplimente vom Freitag.
Noch in Gedanken vernahm sie unwirklich eine Stimme: „ Frau Baumgärtner“…

„Frau Baumgärtner, ich habe die Akten, die ich bei ihnen angefordert habe noch nicht erhalten, bitte holen sie die aus dem Archiv, außerdem möchte ich sie in zehn Minuten in meinem Büro sprechen.“
Ohne ein weiteres Wort oder eine Geste ging er weiter. Was war passiert? Warum war er so barsch gewesen? Am Freitag hatte er sie noch beim Vornamen genannt und jetzt…
Sie war enttäuscht, hatte er das am Freitag gar nicht ehrlich gemeint? Sie hätte ihn nicht abweisen und so schnell verschwinden sollen, warf sie sich vor. Doch es half alles nichts, sie musste die Akten holen und sie musste ihm gegenübertreten, ob sie wollte oder nicht. Und sie wollte wirklich nicht, sie wollte eher im Erdboden verschwinden, statt ihm in seine sanften Augen sehen zu müssen.
‚Du brauchst den Job, also mach!’ sagte ihr die Vernunft. Missmutig machte sie sich auf ins Archiv und von dort aus direkt ins Büro des Chefs.
Er erwartete sie bereits und schloss hinter ihr die Tür. „Legen sie die Akten auf das Sideboard. Ich diktiere ihnen noch einen Brief für das Landesgericht, setzten sie sich.“
Es war ihr ganz recht dass er diktieren wollte, so konnte sie statt ihn anzuschauen, auf den Block sehen. Da saß sie also, starrte auf das leere Papier und wartete auf sein Diktat.

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