Rechtsanwälte küsst man doch

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Rechtsanwälte küsst man doch

Rechtsanwälte küsst man doch

Lovis Wünsche

Den ganzen Tag hatte sie gearbeitet, extra noch Überstunden gemacht um ihren Chef zufrieden zu stellen und vielleicht bei der Nächsten ‚Mitarbeiter des Monats’ Wahl bedacht zu werden. Sie hatte alle Briefe getippt, die Akten geordnet, ist zwischen ihrem Büro und dem Archiv hin und her gerannt, um bearbeitete Ordner abzulegen. Gleichzeitig brachte sie die Akten der neu aufgerollten Fälle ins Büro.
Es war ein furchtbarer Tag in schwüler Hitze gewesen.

Sie hatte sich in einer kurzen Pause, schon am Morgen dieses Arbeitstages, ihrer Strumpfhose entledigt und ihre sonst, so streng, bis oben geschlossene Bluse bis ins Dekolte aufgeknöpft. Am Rande hatte sie die bewundernden Blicke ihrer männlichen Kollegen und die spitzen Bemerkungen der Weiblichen mitbekommen. Doch sie hatte sich davon nicht stören lassen. Hat ihre Arbeit noch ein bisschen gewissenhafter gemacht, in der Hoffnung er würde bemerken.
Nach den vielen Überstunden war sie nun mittlerweile allein in diesem Bürokomplex, es fing an zu dämmern und sie fühlte sich in diesen großen schallenden mit Büroboxen versehenen Raum beklommen. Als würden mit dem Sonnenuntergang und dem drohendem Einbruch der Dunkelheit die Fälle aus ihren Akten vor ihren Augen aufleben wollen.
Sie meinte Schritte hinter sich zu hören, drehte sich um. – Nichts.
Auf leisen Sohlen schlich sie, die Pumps unter ihren Armen, weiter.
Wieder hörte sie Schritte, ganz sicher da war jemand. Erstarrt vor Angst, regungslos, in die Stille lauschend, stand sie da. Wartete auf weitere Schritte, doch es war still. Nur das leise säuseln des Windes, der durch die gekippten Fenster wehte.
Sie spürte, dass sie nicht alleine war. All ihren Mut nahm sie zusammen, legte sich die Worte zurecht, die sie mutig dieser vermeintlichen Person und ihrer Angst entgegen schreien wollte.
Einen ihrer Schuhe hielt sie fest mit der rechten Hand umklammert, so dass sie den Absatz notfalls als Waffe verwenden konnte. Sie machte also auf ihren nackten Fersen eine Kehrtwendung um hundertachtzig Grad, holte tief Luft und rief mit gespielt- kräftiger Stimme: „ Sie machen…“
Die Worte erstarben auf ihren Lippen zu tonloser Überraschung und gleichzeitiger Erleichterung.
„Herr Schur?!“
„ Bitte entschuldigen sie, Frau Baumgärtner, ich wollte sie nicht erschrecken. Ich dachte nicht, so spät überhaupt noch jemanden im Büro anzutreffen“
So spät? Oh ja, es war spät. Die untergehende Sonne tauchte den Raum in warmen, roten Schein. Innerlich freute sie sich fast über diese späte Begegnung, auch wenn sie sich beinahe zu Tode erschreckt hatte. ‚Er kennt meinen Namen’ schoss es ihr durch die Gedanken.

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