Reeperbahn 2 G

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Reeperbahn 2 G

Reeperbahn 2 G

Claudia Carl

Darunter, mit grauem Klebeband hingeklebt ein weißer Zettel mit der Aufschrift „ 2 G“. Was sich wohl in dieser Nacht noch abspielen mag hinter dieser Tür „für alle“, das kann nur Fantasie bleiben. Genauso wie der Verbleib all dieser seltsamen jungen Frauen, die an dem Novemberabend 2021 in Jeans, warmen Jacken und Schals, ausgerüstet mit kleinen praktischen Handtaschen, mitten auf dem Gehsteig stehen. Sie stehen einzeln da, verteilt über die gesamte Reeperbahn. Im ersten Moment glaubt man, sie warten auf eine Freundin, mit der sie einen Cocktail trinken gehen möchten. Doch ihr nach außen gerichteter Blick irritiert, ihr leichtes Lächeln, ihre Offenheit. Sie warten auf Freier. Wohin mögen sie mit ihnen gehen? Wo mag derjenige stehen, der sie beobachtet, der vielleicht abkassiert, der auf sie aufpasst? Die Masse der blutjungen Mädchen, die vor Corona an dem weißen Eckhaus gegenüber der Davidwache stand, ist noch immer verschwunden. Aber immerhin, die Nutten sind zurück.

Ich liebe die Reeperbahn und ihr unanständiges Angebot. Den Laden, der schon morgens um 7 Uhr – oder immer noch, oder 24 Stunden – geöffnet hat und durch dessen geöffnete Tür man pink leuchtende Dildos sieht. Die Penner, die auf den Gehsteigen liegen, verdreckt und mit zerwühlten Schlafsäcken und die mir den frisch gekauften Kaffee abbetteln. Am Montagmorgen sind sie verschwunden, sie betreiben ihr Geschäft nur am Wochenende. Dann gehen sie heim, duschen und kämmen sich und legen sich entspannt vor die Glotze, bis zum nächsten Arbeitseinsatz als Versiffte.

Ich bin alleine, nicht mehr ganz jung, aber vielleicht noch zu gebrauchen. Ich drifte umher auf der Reeperbahn, weiß nicht wohin und kann auch nicht wohin angesichts der Hygienediktatur. Meine Freiheit besteht daraus, den „Reeperbahn Döner“ zu betreten, gelegen direkt neben dem Laufhaus, in dem vielleicht wieder zwei, drei Nutten laufen.

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