Regenwetter

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Regenwetter

Regenwetter

MalteD

Wahre Fluten ließ der Himmel an diesem Novembertag herabstürzen. Schon am Morgen goss es wie aus Kübeln und den ganzen Tag wurde es nicht richtig hell. Jetzt dämmerte es bereits wieder. Die wenigen Menschen in der Stadt suchten Schutz in Kaufhäusern, oder eilten weit vornübergebeugt, die Schirme und Kapuzen festhaltend, von einem trockenen Platz zum nächsten.

Dass in wenigen Tagen der Advent begann, und damit auch die weihnachtliche Stimmung Einzug halten sollte, konnte er beim besten Willen nicht glauben. Halb durchnässt erreichte er den Bus, der ihn nach Hause bringen würde. Dann noch ein paar hundert Meter und er käme endlich in seiner warmen und auch trockenen Wohnung an.

An den paar Stationen stiegen nicht viele Menschen ein und aus. Doch jedes Gesicht sprach Bände ob des Wetters. Dabei waren ja die Hamburger eigentlich mit jedem Wasser gewaschen und kümmerten sich wenig um das Schmuddelwetter. Was jedoch nun schon Tage über Hamburg hing wie eine Glocke, brachte selbst den eingefleischtesten Hanseaten an die Grenzen dessen, was man ertragen konnte. Es schüttete seit fast einer Woche ohne Unterbrechung.

Endlich hatte er seinen rettenden Hafen erreicht. Triefend und tropfend leerte er noch den Briefkasten und verschwand hinter der Tür, die diesen Aufruhr der Elemente draußen ließ. Schnell zog er die Schuhe im Flur aus und hastete auf Zehenspitzen in großen Sätzen ins Bad. Während er die Wanne volllaufen ließ, zog er sich aus. Nur noch in ein heißes und wohlig duftendes Schaumbad wollte er eintauchen. Es würde ihn für eine halbe Stunde entführen und seine halbsteifen Glieder wieder auftauen.

Entspannt streckte er sich aus. Was für ein wunderbares Gefühl. Wärme.

Vorhin hatte er nur kurz die Umschläge durchgesehen, wer ihm alles geschrieben hatte. Werbung von verschiedenen Versicherungen war dabei. Der 30. November galt als Stichtag, um die Autoversicherung zu wechseln. Doch er hatte schon seit zwei Jahren keinen Wagen mehr. Wozu auch? Wo er hinmusste, fuhr die Bahn oder der öffentliche Nahverkehr. Im Notfall tat es auch mal eine Taxe. Ein Brief vom notariellen Nachlassverwalter seiner Tante. Sie verstarb vor acht Wochen und hatte ihn im Testament bedacht. Er wusste, was darin stand. Noch zu Lebzeiten hatte sie ihn informiert. Und ein Brief von seiner Schwester aus Australien.

Ja, Down Under. Da müsste man jetzt sein. Dort begann in diesen Tagen der Sommer.

Vor drei Jahren stattete er seiner Schwester einen Besuch ab. Damals hatte er lange gespart für den Flug. Vor ihm lagen fünf Wochen, von denen er noch heute manchmal zehrte, wenn die Erinnerungen an diese tatsächlich unvergessene Zeit auflebten. Allein die Reise. Über 30 Stunden mit dem Flugzeug; erst von Hamburg nach Frankfurt/Main und von dort mit Zwischenstopp in Bombay bis nach Sydney. Doch auch hier musste er nochmals umsteigen. Ein Inlandsflug brachte ihn seinem nächsten Zwischenziel, Townsville in Queensland, nur wieder näher der Schwester. Bis zu ihr würde es bestimmt noch einmal 6 Stunden dauern.

Als er dort landete und endlich auch sein Gepäck wiederhatte, suchte er die Menge ab. Seine Schwester wollte ihn abholen. Dann ragte ein großes weißes Schild mit schwarzen Lettern aus der Menge der Köpfe empor. „Mr. Thomas Winter“ stand darauf. Zielstrebig nahm er Kurs auf das Schild. Angewurzelt blieb er vor einem Mädchen stehen. „I'm Mister Thomas Winter“, sagte er etwas unsicher.

„Und ich bin Isabella“, stellte sie sich ihm vor, „deine Nichte. Herzlich willkommen in Australien“, reichte sie ihm ihre freie Hand.

Thomas stellte die Tasche auf den Boden und griff vorsichtig danach. Ein fester Händedruck ließ ihn erneut erstaunen. „Danke, Isabella. Und wo ist Jane?“, wollte er wissen.

„Zu Hause. Sie bereitet noch ein paar Sachen vor. Unser Tag war leider etwas chaotisch. Ich hole Dich ab“, sagte sie so überzeugend, als wäre es die normalste Sache der Welt, dass ein 15 jähriges Mädchen auf einem Flughafen, über 1.000 Kilometer von zu Hause entfernt, ihren Onkel abholt. Er musste sich noch von diesem Schock erholen, während sie schon weiter fragte: „Sind das alle Sachen?“

„Ja … äh … ja, das ist alles. Aber wie kommen wir weiter?“

„Na genau so, wie ich hierher gekommen bin. Wir fliegen.“

„Ah ja. Und warum fliegst du hierher um mich abzuholen, wenn ich auch bis nach Weipa hätte fliegen können?“

„Weil es keinen Linienflug um diese Zeit mehr gibt. Also komm. Ich bin noch nie in völliger Dunkelheit gelandet. Wir brauchen mindestens noch dreieinhalb Stunden. Ich ...“

„Halt mal. Ganz ruhig. Das bedeutet, DU fliegst MICH?“

„Ja. Und nun mach hinne. In vier Stunden geht das Licht aus.“

Thomas starrte seine Nichte an, als wäre sie von einem anderen Planeten oder auch einer völlig fremden Galaxie. „Das glaub ich jetzt nicht“, stammelte er fassungslos.

„Wenn du hier nicht übernachten willst, musst du das aber glauben. So. Und nun nimm deine Sachen.“ Isabella griff zur abgestellten Tasche und ging einfach los.

„Warte! Ich komm ja schon!“ Ihm war mehr als mulmig zumute. Doch es gab wohl keine andere Möglichkeit.

Am Flugzeug angekommen, verstaute sie flink das Gepäck und machte ihren Rundgang. Hier und da griff sie beherzt zu, prüfte Höhen- und Seiten- sowie Querruder und inspizierte Propeller und Fahrwerk. Thomas folgte ihr neugierig dicht auf den Fersen. „Du kannst einsteigen. Da vorn auf die Tragfläche treten und dann rein mit dir“, deutete sie auf die Stelle.

Er kletterte unbeholfen in die Kabine und plumpste ebenso ungeschickt in den Sitz.

Isabella saß wenig später neben ihm. „Setz den Kopfhörer auf. Ich mach noch den technischen Check, dann melde ich unseren Flug dem Tower.“

Sie war so entspannt und professionell, dass Thomas zur gesamten Situation langsam Vertrauen gewann. Gespannt verfolgte er allerdings jeden Handgriff. Seine Neugierde besiegte mehr und mehr die anfängliche Skepsis. Er fügte sich teils in sein Schicksal, wartete aber auch voller Aufregung darauf, was nun alles noch kommen würde. Über seinen Kopfhörer bekam er den Sprechfunk mit. Als Isabella aber den Motor startete, überfiel ihn ein flaues Gefühl.

„Na? Angst?“, griente sie schelmisch. „So weit ich informiert bin, hast du schon mit 10 Jahren allein die großen Maschinen auf dem Hof bewegt. Mit 12 hast du das erste Mal einen Maishäcksler während der Ernte gefahren. Wohlgemerkt allein. Und alle haben dir vertraut, dass du keinen Blödsinn machst.“

„Ja, ja. Aber das hat sich alles AUF der Erde abgespielt. Hier ...“

„Wir fahren jetzt Trecker“, unterbrach sie ihn keck und hatte wieder dieses schelmisch süße Grinsen im Gesicht. „Der hat zwar Flügel und kann fliegen, aber ich bin diesen Vogel mit neun das erste Mal allein geflogen. Start und Landung inklusive. Mein Flugbuch weist über 1500 Flugstunden mit dieser Maschine aus. Noch Fragen?“

Thomas blieb stumm. Vom Tower erhielten sie die Starterlaubnis und nur wenige Minuten später hoben sie ab. Er wunderte sich, dass nicht einmal von dort Anmerkungen kamen. Ihre Stimme verriet sie eindeutig als Kind.

„So. Was willst du wissen?“, lehnte Isabella sich entspannt zurück und ließ den Steuerknüppel los.

„Bist du wahnsinnig?“, schrie er entsetzt.

„Entspann dich. Bitte. Wir fliegen hier in einer Cessna 400 TT mit Autopilot und noch ein paar Annehmlichkeiten. Ich könnte jetzt sogar Kaffee kochen und das Ding würde stur den Kurs halten. Da du dir aber gerade die Hose nass machst, bleib ich hier sitzen.“

Er war verwundert, mit welch derber Sprache sie ihn zurechtwies. Das ging sicherlich auch freundlicher. Thomas nahm sich vor, Jane darauf hinzuweisen.

Sie sah ihn nur eben an und meinte keck: „Da du keine Fragen zu haben scheinst, erzähl ich einfach mal.“ Und in einem Redeschwall komprimierte sie ihre 15 Jahre auf drei Stunden. Nur kurz unterbrach sie sich selbst, meldete den Funkfrequenzwechsel in Townsville und Weipa und plapperte weiter.

Thomas war fasziniert und überwältigt, mit welch reichem Wortschatz und Sprachgewandtheit sie ihm alles erzählte. Das hatte er ihr beileibe nicht zugetraut.

Das Ziel rückte näher. „So, nun muss ich mich konzentrieren“, meinte sie und stellte den Autopiloten ab. Der Tower von Weipa meldete sich auf ihre Anmeldung hin und gab die nötigen Informationen. Nur wenige Minuten später setzte Isabella die Maschine butterweich auf.

Noch auf dem Rollfeld wurde er stürmisch von der gesamten Familie überfallartig begrüßt. So viele Eindrücke musste er in den vergangenen 30 Stunden verarbeiten, dass er sich kaum in der Lage sah, die vielen Fragen zu beantworten. Jetzt waren es nur noch zwei Stunden mit dem Wagen. Dann endlich durfte er ankommen.

Seine Schwester wohnte weit draußen auf einer ehemaligen Farm. Hier betrieb sie mit ihrem Mann eine Landarztpraxis. Sie und ihr Mann waren das, was in Australien landläufig als „Flying Doctor“ bezeichnet wurde. Ein harter Beruf. Thomas sollte auch das am eigenen Leibe noch kennenlernen.

Den ersten Tag hatte er fast vollständig verschlafen. Die lange Reise, der Sprung über zig Zeitzonen und auch die ganz andere Umgebung, das Klima und Essen. All das musste er langsam verarbeiten. Tag um Tag der ersten Woche floss dahin. Er sog jede Neuigkeit auf, die er kennenlernte.

Nach 14 Tagen kam Isabella auf ihn zu. „Willst du fliegen lernen?“

„Wie? Fliegen?“

„Na, mit dem Trecker“, grinste sie und musste dann lachen.

„Der steht doch im Hangar. In Weipa“, versuchte er sich zu erinnern.

„Nee. Der ist schon längst wieder hier. In Weipa sind wir nur gelandet, weil der normale Check dran war. Hier draußen kommen wir ohne Flieger nicht zurecht.“

Ehe er sich versah, saß er wieder im Cockpit. Und Thomas hatte mit diesem Tag beginnend Blut geleckt. Immer, wenn es eine Möglichkeit gab, wollte er fliegen.

Eines Morgens kam über Funk ein Notruf rein. Noch während des Frühstücks wurden sie an das Gerät gerufen. Eine Frau lag in den Wehen, doch das Kind leider nicht in der normalen Geburtslage.

„Isabella! Mach den Jet klar. Wir müssen einen Kaiserschnitt machen“, rief Jane und hastete in die Praxisräume.

Thomas sah sich hektisch um. Wo wollten sie einen Jet herbekommen? Wieso rannte seine Schwester in die Praxis? Doch alle Antworten ergaben sich von selbst. Jetzt erst bekam das etwas abseits liegende Gebäude für ihn eine Bedeutung. Aus der unscheinbaren Halle drangen Laute aufheulender Düsentriebwerke. Er traute seinen Augen nicht. Langsam schob ein Learjet seine Nase ins grelle Sonnenlicht. Im Cockpit konnte er Isabella ausmachen. Ihm gefror das Blut in den Adern.

„Jonas muss die Praxis heute allein machen. Thomas. Kannst Du Blut sehen?“, hechtete seine Schwester an ihm vorbei.

„Ich bin Sani und Krankenpfleger. Das weißt Du doch“, rief er verwirrt hinterher.

„Gut. Du wirst mir assistieren. Eine Schwester kann ich heute nicht mehr abholen. Das überleben weder Mutter noch Kind.“

„WAS?! WIE?!“, schrie er aufgeregt.

„Helena!“, rief Jane nach der Arzthelferin, ungeachtet seiner Worte, „Du machst Anästhesie! Los! Beeilung!“

Noch bevor Thomas realisiert hatte, was um ihn herum alles passierte, fand er sich auf einem Sitz in dem Jet wieder und war angeschnallt. Nur in kurzen Sätzen bekam er die wichtigsten Informationen.

„Isabella fliegt uns. Keine Panik, sie kann das. Der Flieger ist für Graspisten ausgelegt. Das hier ist ein fliegender OP. Helena ist ausgebildet für Narkose. Du wirst mich bei der OP unterstützen. Es geht um das Leben einer Mutter und ihrem ungeborenen Kind. Steißlage. Kaiserschnitt. Schließ die Augen und atme ruhig. Denke nicht über das 'Davor' und auch nicht über das 'Danach' nach. Ich brauche all Deine Kräfte. Thomas. Dieser Tag wird Dein Leben verändern. Egal wie er ausgeht. Also. Entspanne, auch wenn das lapidar klingt.“

Und nach diesen Worten spürte er nur noch, wie die geballte Turbinenkraft des Jets ihn in den Sitz presste und nach gefühlten 20 Metern fast senkrecht in den Himmel katapultierte. Sein Zeitgefühl hatte bereits nach dem Funkspruch ausgesetzt. Und so landeten sie nur wenig später inmitten der Wildnis auf einer notdürftig hergerichteten Stoppelpiste. Was alles geschah, bekam er in der Eile gar nicht mit. Erst als eine vor Schmerzen schreiende Frau vor ihm lag, schaltete sein inneres Programm automatisch ein. Mit einem Male verflogen Angst und Unsicherheit. Auch wenn er noch nie bei einer OP so dicht dabei gewesen war, er funktionierte einfach nur wie ein Uhrwerk. Anweisung. Ausführung.

Dann kam der Moment, der ihm noch heute einen Schauer über den Rücken jagte.

Er zuckte. Das Wasser in der Wanne hatte sich abgekühlt. Aus einem Tagtraum wachte er auf. Doch die Gedanken ließen ihn nicht mehr los. Es war alles da. Jeder Laut, die Gerüche. Eilig trocknete er sich ab, ließ das Wasser ablaufen und nahm den Brief seiner Schwester. Im Bademantel legte er sich auf das Sofa.

Jane setzte das Skalpell an. Er zog mit einer Art verbogenen Gabeln die Haut auseinander. Sie setzte erneut an. Dann trennte sie die Gebärmutter auf. Obwohl sie nur zu zweit waren, schien es, als machten sie diese Arbeit seit Jahren. Tag für Tag. Von Helena bekamen sie in regelmäßigen Abständen Nachricht über den Zustand der Patientin.

„Und nun holen wir den neuen Erdenbürger“, flüsterte sie und geleitete das Kind auf die Welt. „Nimm es mir mal ab“, und sie sah ihn mit einem sehr erleichterten Blick an.

Er traute sich fast gar nicht, dieses zerbrechliche Wesen anzufassen. Doch als die Nabelschnur durchtrennt und wahrhaftiges Leben in diesen winzigen Körper kam, schossen ihm die Tränen in die Augen. Nach einer für ihn nicht messbaren Zeit war alles überstanden. Mutter und Kind lebten. Einem Mädchen hatte er unter diesen Umständen auf die Welt helfen dürfen.

Isabella klopfte und sah durch die Trennscheibe. Jane zeigte mit ihren Fingern sieben an. Was auch immer das bedeutete. Als aber nach fünf Minuten das erste Triebwerk anlief, war auch Thomas klar, dass nun der Rückweg mit Mutter und Kind angetreten wurde.

Fertig, von Emotionen geschüttelt und überglücklich heulend, saß er angeschnallt im Sitz. Erst als die Tür nach draußen geöffnet wurde, realisierte er, dass dieser Einsatz vorbei war.

Am nächsten Morgen kam Jonas nach dem Frühstück zu ihm. Thomas hatte sich in den Garten verkrochen. Der gestrige Tag klang noch nach. „Du hast dich sehr wacker geschlagen. Meinen herzlichen Glückwunsch, lieber Schwager.“

„Glückwunsch?“, sah er ihn fragend an. „Ich habe das Gefühl, ich ...“

„Nee. Deine Schwester und du, ihr habt absolut perfekte Arbeit geleistet. Isabella auch. Mutter und Kind sind wohlauf und kerngesund. Nun kann ich es dir ja auch sagen. Jane hat dich gestern angelogen. Isa ist gestern erstmals mit dem Ding allein geflogen. Vorher war sie immer nur meine Copilotin. Doch gestern war einfach ein Notfall. Ich habe sie gefragt und sie hat ehrlich Ja gesagt. Sie täte es nie, wenn sie auch nur einen Moment das Gefühl hätte, etwas nicht zu können. Dieses Mädchen ist ein Naturtalent. Thomas, das behalte bitte für dich. Lass Isa nichts davon spüren. Sie ist selbst fertig. Erst heute weiß ich, dass ich ihr zu viel zugemutet habe. Doch ich wurde hier gebraucht. Und Jane kann den Jet nicht sicher fliegen. Isa schon.“

Er war wieder allein. Tausende und doch keine klaren Gedanken rauschten ihm durch den Kopf.

„Hallo Thomas“, holte ihn eine Kinderstimme zurück.

Wortlos zog er sie auf seinen Schoß und umarmte sie fest. Er sollte nichts sagen, aber dieses tapfere Mädchen drücken und liebkosen, das wollte er. Sie war viel weiter über ihre Grenzen gegangen, als er. In ihrem Gesicht stand auch noch der gestrige Tag. „Du hast das wirklich bravourös gemeistert“, flüsterte er und küsste ihre Stirn.

„Ja, aber ...“

„Kein ABER, Isa. Deine Eltern sind sehr stolz auf dich. Und ich auch. Du hast deine Sache wirklich sehr professionell gemacht. Du bist ein Mordskerl. Ein sehr intelligentes und hübsches Mädchen bist du. Und du weißt, deine Umwelt für dich zu gewinnen. Geh deinen Weg so weiter, Isa. Es ist für mich eine große Ehre, dich auch ein kleines Stück dabei begleitet zu haben.“ Fest drückte er sie an sich. Und er spürte, wie eine Last von ihr abfiel und sie zu weinen begann. Thomas hielt seine Nichte und gab ihr Nähe. Sie war eben doch noch ein Kind. Dazu die Älteste der vier Kinder und schon manchmal voll in den Praxisalltag eingebunden. Ihm gingen ein paar Fetzen ausgetauschter Emails durch den Kopf.

„Danke, Thomas“, sie hatte sich wieder beruhigt. „Du bist ein toller Onkel“, und es huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

Es waren zwei Tage vergangen, als eine kleine einmotorige Maschine auf der Graspiste landete. Ein älteres Paar sowie eine junge Frau stiegen aus und gingen in die Praxis. Thomas saß im Schatten der dichten Eukalyptusbäume und las. Nur eben hatte er das Geschehen aus dem Augenwinkel beobachtet. Hier war es auch für ihn Alltag geworden, dass die Patienten teilweise mit Flugzeugen aller Art kamen.

„Thomas!“, rief es aus der Praxis, „komm doch mal eben rein!“, winkte Jonas ihm zu.

Den Einsatz hatte er verarbeitet. Ja, dieser hatte sein Leben tatsächlich verändert. Es war ein großartiges Gefühl, Menschenleben gerettet und dazu noch ein neues Leben auf die Welt geholt zu haben. Sein Job als Krankenpfleger im Hamburger UKE war nicht annähernd so spannend. Gemächlich trottete er zum Haus. Es war noch nicht einmal Mittag und das Thermometer zeigte bereits 39 Grad im Schatten an. Sehr schnell hatte Thomas die Eigenschaft abgelegt, hier laufen oder gar rennen zu wollen. Niemand in seiner Umgebung hatte es eilig. Außer an solchen Tagen, wie er ihn selbst erlebt hatte. Da ging man lieber aus dem Weg. „Ja. Was ist?“, stieß er die Fliegentür auf und ließ sie hinter sich zuklappen, so wie jeder es hier tat.

Auf Englisch meinte Jonas: „Darf ich vorstellen. Das ist Mister William Brown. Der Vater und Ehemann unserer Wöchnerin. Seine Schwester Rosanna Brown mit Tochter Susan“, ließ er Thomas wissen. „Und das ist Mister Thomas Winter aus Hamburg. Der Bruder meiner Frau. Er ist Krankenpfleger und Rettungssanitäter“, stellte Jonas ihn nun den Dreien vor. „Kommt mit durch. Wir wollen mal sehen, wie es Karla geht.“ Jonas ging vor, in den hinteren Teil der Praxis. Hier lagen ein kleiner OP und drei Zimmer für stationäre Aufenthalte.

Der Besuch blieb spontan zum Mittagessen. Danach ging Thomas wieder in den Garten und las weiter. Drückende Hitze, die Luft schwül, und wenn er in die Sonne trat, meinte er, das Wasser auf der Haut begann zu kochen.

„Mister Winter?“, holte ihn eine junge Stimme aus der Geschichte. Er sah hoch und war erstaunt, Susan vor sich zu sehen.

„Yes? Susan, I'm Thomas. You are not balanced, aren't you?“, er plauderte einfach mit ihr drauflos. Und er konzentrierte sich nur auf ihr Gesicht und die Augen. Der Rest würde unweigerlich Reaktionen bei ihm hervorrufen, die bei über 40 Grad im Schatten nicht gerade für Abkühlung sorgten. „Take a Seat. Something to drink? Maybe a water?“

Sie nickte und nahm schüchtern auf einem der Stühle platz. „Danke. Ja. Ein Wasser. Gern.“

Thomas war erstaunt. Nicht nur, dass sie doch mehr als nur eine Handvoll Worte überhaupt kannte, sie sprach fast akzentfrei Deutsch. „Was kann ich für dich tun?“, reichte er ihr das Glas. Seine Verwunderung hielt er zurück.

„Gar nichts. Ich wollte mich bei dir bedanken. Jonas hat uns erzählt, wie es an dem Morgen plötzlich alles ganz schnell gehen musste. Es war wohl auch dein erster Einsatz dieser Art.“

„Oh ja. In der Tat“, bestätigte er heftig nickend, „und ich bin froh, dass er so und nicht anders verlaufen ist.“

„Ja, das sind wir auch. Es sah nämlich bis zu eurem Eintreffen sehr schlecht aus. Doch du hast ja mit Jane und Helena sehr gut reagiert und gearbeitet. Und Isa hat wohl auch einen sehr großen Anteil daran. Wir sind sehr glücklich. Darum wollten wir dich auch fragen, ob du ein oder zwei Tage zu uns kommen willst, als kleinen Dank. Wenn wir dich wieder hierher bringen, können wir am gleichen Tag Karla und ihr Töchterlein mitnehmen.“

Er sah sie mit immer größer werdenden Augen an. Und er spürte, wie langsam das Blut in den Kopf sowie auch die Lendenregion gepumpt wurde. „Das ist aber nicht nötig, Susan. Als Sanitäter bin ich verpflichtet, zu helfen. Ich habe es gern getan.“

„Überleg es in Ruhe. Wir fliegen in drei Stunden zurück“, sie stand auf und ging.

Thomas blieb der Mund offen stehen. Er konnte den Blick nicht von ihr reißen und starrte diesem Geschöpf einfach hinterher. Erst als sie im Haus verschwunden war, kam er wieder langsam zu sich, nahm das Buch und las weiter. Aber seine Gedanken waren nur noch bei dieser Susan.

„Thomas, hey“, riss ihn Isa erneut heraus, „äh, du, das geht nicht.“

„Was? Wie? Was geht nicht?“, er konnte nicht folgen.

„Das war zwar eine Einladung von Susan, aber eigentlich auch nicht. Sie können dich ja nicht in dem Sinne bezahlen. Sie erwarten, dass du zusagst. Das ist hier so bei uns. Du kannst da nicht einfach 'Nein' sagen. Ich wollte mit dir zuerst sprechen, bevor Papa auch gleich noch kommt. Also, du wirst wohl müssen“, und sie ging wieder.

Nur wenig später kam Jonas zu ihm. „Hör mal, Thomas. Du hast Susan ...“

„Ja, ja. Ich weiß schon“, unterbrach er ihn etwas genervt. „Woher soll ich aber wissen, wie hier die Gepflogenheiten sind? Außerdem ist dieses Ding in zu starker Nähe nicht gut für mich.“

Jonas lachte lauthals los. „Na, du hast Nerven. Hast du sie überhaupt mal richtig angesehen? Du, nicht Familie Brown lädt dich ein. SIE lädt dich ein. Du bist echt blind. Die hat ein Auge auf dich.“

„Hey, hey, hey. Ganz langsam“, sammelte Thomas die abgefeuerten Sätze auf. „Die ist doch noch gar nicht reif, gepflückt zu werden. Susan ist unmöglich volljährig. Und ...“

„Klar, mal wieder nur auf Äußerlichkeiten geachtet. Was meinst Du, warum sie so gut Deutsch spricht? Aus der Zeitung? Das 'Ding', wie du sie nennst, ist 25. Susan hat Abitur mit 1,0 gemacht; studiert hat sie auch. Germanistik und Kommunikationswissenschaften in Köln, wenn du es genau wissen willst. Das Geld für das Studium hat sie sich als Redaktionsassistentin beim Fernsehen verdient. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über Anglizismen in der deutschen Sprache und den daraus resultierenden Folgen. Übrigens, summa cum laude. Das Ding ist also nicht nur bildhübsch, das ist auch noch verdammt schlau. So, und nun packst du für drei Tage deine Sachen und fliegst mit. Basta.“ Jonas stand auf und haute ihm kräftig auf die Schulter. „Außerdem, wer sagt, dass DU sie pflücken sollst? Und warum meinst du, ist sie nicht gut für dich?“ Mit einem vielsagenden Grienen ließ er Thomas einfach sitzen.

Während er in die Maschine kletterte, kamen noch ein paar sehr zweideutige Bemerkungen von Jonas und Jane. Zumindest meinte Thomas, diese als solche zu verstehen. Natürlich saß er hinten, neben Susan. Und es war nicht sehr viel Platz. Zwangsläufig berührten sich ihre Oberschenkel und Becken. Es war ihm nicht unangenehm, aber in der engen Nähe zu ihr, bei den Temperaturen und vor allem etwas mehr als drei Stunden Flugzeit. Diese Maschine schaffte gerade mal 200 Kilometer in der Stunde. Mit dem Jet wären sie mühelos in nur 40 Minuten am Ziel.

Der Lärm in der Kabine verhinderte leider jegliche Unterhaltung. Er hätte gern mit ihr geplaudert, sie gefragt, wie es ihr in Deutschland gefallen hatte. Doch sie waren nur auf Blickkontakte und Zeichensprache angewiesen. Ab und zu deutete sie aus dem Fenster. Meist waren es Wildtierherden, die über saftige Wiesen zogen, oder besonders schöne Landschaftsstriche.

Trotz vorgerückter Stunde konnte Thomas auf dem Thermometer 32 Grad ablesen. Und dabei handelte es sich um die Außentemperatur in gut 300 Meter Höhe. In der Kabine war es noch wärmer. Er fühlte sich im eigenen Saft langsam aber sicher gegart. Und auch Susan wischte sich immer öfter mit einem Handtuch Schweiß aus dem Gesicht und von den Armen.

Doch Thomas nutzte auch die Nähe zu ihr ein wenig aus. Ihre hellbraune, stufig geschnittene Kurzhaarfrisur konnte er nur noch erahnen. Das viele Schwitzen ließ ihre nassen Haare am Kopf kleben. Kleine, ovale Ohren. Er hatte nie so sehr darauf bei einer Frau geachtet, doch heute hatte er erstens Zeit und zweitens fand er das ihm zugewandte Ohr irgendwie niedlich. Wenn er ihr in die dunkelbraunen Augen sah, meinte er die Glut der australischen Wüste um den Ayers Rock zu erkennen. Thronend darüber zierliche Augenbrauen, von der Sonne ausgeblichen zu einem weißblonden Streifen, gleich den zarten Federwolken am abendlichen Horizont. Lippen, die sehr verführerisch aussahen und doch auch eine Entschlossenheit vermittelten, dass er nicht einmal auf die Idee kam, diese einfach nur so küssen zu wollen. Schmal waren sie, sanft geschwungen. Ihre Stupsnase wirkte im Profil noch ausgeprägter, als wenn sie ihn direkt ansah. Am schlanken Hals konnte er das Muskelspiel beobachten, wenn sie sich bewegte und ihn auf irgendwas hinwies. Manchmal zeigte sie mit ihren Fingern direkt aus dem Fenster. Er war versucht, einfach die Hand zu ergreifen und sie zu streicheln. Grazile Hände hatte sie. Zwar war der Einblick in ihre Bluse versperrt, weil der Stoff mittlerweile auf ihrer Haut klebte, aber die abgezeichneten Formen sprachen Bände. Kreisrunde, doch nach vorn spitz zulaufende Brüste. Er konnte nur erkennen, dass sie ein Hemdchen unter der Bluse trug, ein BH zeichnete sich nicht ab. Der flache Bauch bebte leicht, nicht nur durch ihre Atmung. Doch eine Erklärung hatte er nicht. Von ihren Beinen sah er nicht viel. Die Siebenachtelhose verdeckten sie leider. Er war sehr auf Beine fixiert. Schöne Beine waren für ihn eine Augenweide.

Endlich setzte William zur Landung an. Nun würde die Enge leider und doch auch zum Glück ein Ende haben.

„Wir essen in einer halben Stunde“, ließ Rosanna die beiden wissen und ging ins Haus.

Susan geleitete ihn zu einem etwas abseitsgelegenen massiven Holzhaus. „Hier wohnen wir“, sagte sie wie selbstverständlich und klappte erst die Fliegentür auf, um danach die Haustür zu öffnen. „Komm rein. Hier kannst du erstmal deine Sachen abstellen“, deutete sie auf eine kleine Nische nahe der Tür. „Ich zeige dir nun unser kleines, aber feines Domizil. Das hier ist das ehemalige 'Caretakers House', also das des Verwalters der Farm, als sie noch eine war. Die Ländereien haben wir nach dem Tod meiner Großeltern allesamt verpachtet. William hat ein Stück weiter eine Werkstatt für Landmaschinen und Kleinflugzeuge.“ Sie ignorierte, dass Thomas, mehr als verwundert, wie angewurzelt stehen blieb. Susan führte ihn einmal herum.

Vier behagliche Zimmer. Eines davon für ihn. Ein sehr breites Bett, fix und fertig bezogen. Links und rechts davon einfache Nachtkommoden, darauf kleine Lampen mit roten Schirmchen. Dazu ein Schrank sowie Tisch und zwei Stühle. „Hier schläfst Du“, sagte sie. Er schaute sich noch um, als sie einfach seine Hand ergriff und ihn aus dem Raum zog. „Hier wohne ich“, und sie gab der Tür zu ihrem Zimmer einen kleinen Schwung. Ihr Raum hatte ein ähnlich großes Bett und war fast identisch eingerichtet. Nur hingen an den Wänden Regale mit Büchern und ein paar Bilder. Ihren Tisch hatte sie als Schreibtisch vor das Fenster geschoben. Ein Laptop darauf und eine geordnete Unordnung irgendwelcher Unterlagen. Im Hinausgehen erhaschte er die zufällig auf dem Bett liegende Wäsche. Blassgelb und mit sehr viel Spitze. Er wollte sich gar nicht vorstellen, welchen Kontrast diese Farbe auf ihrer gebräunten Haut entstehen lassen würde. Allein der Gedanke sorgte für vermehrte Blutzirkulation. Ein weiterer Raum war bis auf abgestellte Möbel leer. Zum Schluss führte sie ihn noch das Wohnzimmer. Hell und mit einer erhöhten Terrasse, ebenfalls aus groben Holzbohlen. Es war sehr gemütlich. „Dort ist das Bad und da die Küche. Wenn du noch auf Klo musst, dann geh bitte jetzt, ich will nämlich duschen. Ich klebe am ganzen Körper. Du kannst dann auch noch, wenn du willst.“ Die ganze Zeit hielt sie seine Hand. Sehr weich und locker, doch auch signalisierend, nicht loslassen zu wollen.

Thomas verschwand kurz und schnappte dann seine Sachen, um das ihm zugedachte Zimmer zu beziehen. Er hörte das Wasser im Bad rauschen, während er ein paar Kleidungsstücke auspackte. Doch seine Gedanken wanderten immer wieder drei Wände weiter. Sollte Jonas recht haben? Warum hielt sie plötzlich seine Hand? Sollte ein 'Danke' der besonderen Art auf ihn warten? Hoffentlich nicht. Denn er war imstande, ihr zu verfallen, sollte er sie auch nur einmal küssen oder streicheln können. Diese Susan, sie war nicht nur attraktiv. Sie war Verlockung und Verführung in Reinnatur. Geduldig verharrte er sitzend auf dem Bett. Eine Tür fiel ins Schloss, kurz darauf eine Zweite, aber nur, um gefühlte Sekunden später wieder aufzugehen.

„Wir kommen zu spät. Du musst nachher duschen“, hauchte Susan in sein Zimmer und blieb im Türrahmen stehen.

Ihm klappte der Mund auf. Ungläubig starrte er auf das, was da stand und ihn mit der dargebotenen Schönheit schlagartig verzauberte. Die Haare noch leicht feucht, ein hautenges weißes Top, durch welches der gelbe Spitzen-BH schimmerte. Kurz unter dem Rippenbogen glänzte freie samtene Haut bis zum Bund des Minis. Er suchte ein Wort. Gab es 'Makros' in der Bekleidungswelt der Frauen? Doch er hatte keine Zeit, es zu ergründen. „Ja, ich komme“, und er hätte es sowohl als auch sagen können.

Rosanna hatte im Haus den Tisch gedeckt. Als wenn nicht schon genug auf ihn eingestürzt war, sollte er Susan gegenüber seinen Platz einnehmen. Nur mit Mühe und Konzentration konnte Thomas seine Verunsicherung verbergen.

Die Frauen tischten auf. William und er sollten sich schon mal setzen. Ein kurzes Gebet und die Schüsseln gingen reihum. Nun erfuhr Thomas auch, warum Rosanna hier wohnte und auch immer noch 'Brown' hieß. Susans Vater kam bei einem Unfall ums Leben, bevor Rosanna überhaupt wusste, dass ihre Tochter unterwegs war. Karl verdiente sein Geld als Trucker. Sein Truck war eigentlich einer der legendären Road-Trains. Er fuhr für eine Mineralölgesellschaft und lieferte Flugzeugbenzin an die abgelegensten Orte Australiens. Eines Nachts sah Karl zu spät das Wildrind auf der Piste. Trotz Bullfänger schleuderte das Tier hoch und krachte in die Kabine. Das war es dann. Und das war jetzt 26 Jahre her. Susan kam in diesem Haus auf die Welt. Auf diesem Tisch. Jonas' Vater wurde damals gerufen, als Rosanna in den Wehen lag. Mit einer alten und klapprigen Piper Alpha landete er auf der Wiese neben dem Haus.

Thomas zucke zusammen. Ein nackter Fuß strich an der Innenseite seiner Wade zum Knie hinauf. Er fand es aufregend, aber nicht passend. Erst recht nicht hier und in dieser Gesellschaft. Schon verfluchte er sich selbst, vorhin die Beine der Zipphose abgenommen zu haben. Er saß eigentlich nur in Shorts da. Tief sah er ihr in die Augen und schüttelte nur ganz zaghaft den Kopf. Der Fuß verschwand, um doch nur noch einmal sehr zart über seinen Knöchel zu streifen.

Bei einem Glas Wein saßen sie zu viert noch zusammen. Susan gähnte sehr provokant und doch irgendwie auch zurückhaltend.

„War ein langer und harter Tag“, nickte William. „Nehmt die Flasche und eure Gläser mit. Es wird Zeit fürs Bett. Ihr könnt ausschlafen. Unser Tag beginnt um 6 Uhr.“

Thomas hielt Susan auf dem kurzen Weg zurück an. „Was sollte das vorhin?“

„Was?“, kam es katzengleich bei ihm an.

„Du weißt, was ich meine.“

„War es nicht schön?“

„Susan!“, sagte er sehr ernst, „ich bin gern deiner Einladung gefolgt. Ja. Aber ich möchte kein 'Danke' in dieser Form. Ich hab meinen Job gemacht. Fertig. Du bist sehr hübsch und ich bin hin- und hergerissen. Doch ich spiele nicht mit etwas, bei dem ich von Anfang an weiß, dass ich das Spiel verliere. Ich bin dein und euer Gast. Aber ich bin auch für dich kein Spielzeug. Ich bin Thomas Winter. Und ich werde nicht mit dir schlafen, weil du meinst, du musst eine Schuld begleichen. Wenn, dann will ich dich ganz und für immer. Aber nicht für einen oder zwei Tage. Und ich habe meine Arbeit in Hamburg.“ Er drückte ihr sein Glas und die Flasche in die Hand und ging ins Haus. Obwohl er gern noch unter die Dusche gegangen wäre, zog er sich aus und legte sich hin. Er hatte befürchtet, dass es genau so ablaufen würde. Sex als Gegenleistung für eine Arbeit, die für ihn selbstverständlich war.

Thomas lag im Bett und dachte nach. Ja, seine Worte waren hart. Aber auch ehrlich. Diese Susan durfte er nicht als Dank für eine Arbeit annehmen. Er kannte sie kaum und doch fühlte er sich zu ihr hingezogen. Es klopfte zaghaft an seine Tür. Im selben Moment bekam er Herzklopfen. „Ja“, raunte er heiser.

Susan öffnete die Tür und trat ein. „Mach bitte Licht an“, flüsterte sie in die Dunkelheit. „Ich will und muss mit dir reden.“

Thomas tastete nach dem Schalter.

Im Nachthemd stand sie im Raum und nahm Platz auf der Bettkante nahe beim Fußende. „Du bist sehr grob mit deinen Worten gewesen, Thomas. Und es kostet mich auch Überwindung, jetzt bei dir hier zu sitzen. Aber ich will Klarheit in deine Welt bringen. Du denkst, ich muss dafür bezahlen, damit die Schulden bei William und Karla beglichen sind. Aber du denkst falsch. Ich gebe zu, dass ich sicherlich einen falschen Eindruck bei dir hinterlassen habe, als wir am Tisch saßen. Das ist wahr. Doch ich habe nicht einfach nur so deine Hand gehalten, während wir durch das Haus gegangen sind. Ich habe mich auch nicht absichtlich oder provozierend hier so frei bewegt, obwohl du im Haus warst und ich unter der Dusche. Thomas, mein Vater war ein Aborigine. Diesen Menschen sagt man nach, sie können Seelen sehen. Ich KANN Seelen sehen. Jonas ruft mich oft an und holt mich ab, wenn es Fälle gibt, bei denen er nicht weiter weiß. Das wollte ich dir nur sagen. Wir werden hier eine schöne Zeit haben und ich werde dir viel von unserer Umgebung zeigen. Aber wir werden nicht miteinander schlafen, und ich werde mich auch zurückhalten und dir nicht zu nahe kommen. Das verspreche ich dir. Außer, DU möchtest es. Und nun schlaf gut.“ Susan stand auf und verließ den Raum. Weder sah sie ihn noch einmal an, noch hinterließ sie eine Geste, die ihn bewogen hätte, sie zurückzuhalten.

„Ich bin ein Esel, ein Volltrottel, ein totaler Idiot“, schalt er sich leise.

Susan schloss lautlos ihre Tür und ließ erst dann ihre Tränen laufen. Er sollte sie weder sehen noch hören, wenn sie weinte. „Warum behandelt er mich schroff?“, dachte sie immer wieder nach. „Nur weil ich ihn mag? Nur weil ich es gesehen habe und ihm eben gesagt habe, dass ich es sehen kann?“ Sie rollte sich in ihrem Bett unter der dünnen Decke zusammen und rief immer wieder das Gefühl seiner Hand ins Gedächtnis zurück. Diese Hand sprach Bände. Und nicht nur die Hand. Susan sah wieder seine hellen wachen Augen. Magisches Blau, wie das des Great Barrier Reefs. Das Leuchten dieser Seelenfenster stach durch seine fast schwarzen Augenbrauen noch deutlicher hervor. Die kurzen schwarzen Haare, die hohe Stirn. Sein ganzes Gesicht erschien ihr wie ein perfektes Gemälde. Breite, starke Schultern, an die sie sich gern angelehnt hätte. Kräftige Arme, die ihr Halt geben würden. Wie sehr schmerzte es sie gerade jetzt, ohne Vater aufgewachsen zu sein. William gab sich alle Mühe, aber er konnte ihr nie den Vater ersetzen. Nur dieser Thomas, nur er, er würde ihren Verlust auffangen. Sie zuckte zusammen, als eine Hand in der Dunkelheit nach ihr suchte.

„Susan. Ich bin es“, flüsterte er.

Doch sie hörte schon an der Atmung, dass nur er es sein konnte. Wortlos schob sie ihm ihre Hand entgegen, nur Sekunden später hatten sie sich gefunden. Und sie fragte sich, wie er lautlos bis zu ihr gefunden hatte.

„Ich weiß, dass du weinst und ich will mich bei dir entschuldigen, Susan. Ich habe nur Angst davor“, flüsterte er und ließ einfach seine Geschichte herauslaufen. „Ich habe eine sehr große Enttäuschung hinter mir. Meine letzte Freundin hat mich sehr tief verletzt. Sie war von mir schwanger und wir wollten heiraten. Wir liebten uns auch. Dann war sie eines Tages plötzlich weg und ich habe vier Monate nach ihr gesucht. Gefunden habe ich sie letztendlich bei einem ehemaligen Freund. Und sie hatte abgetrieben. Sie hat nicht einmal das Gespräch mit mir gesucht, sie hat einfach abgetrieben, nur weil sie mit einem Male keine Lust mehr auf das Kind hatte. Was ich dachte, wie ich fühlte, das war ihr egal. Sie degradierte mich nur zum Erzeuger. Sie sah in mir weder einen Vater noch einen Mann. Das ist jetzt über ein Jahr her. Aber ich habe seit dem Tag Angst, dass ich mich verliebe und dass ich wieder sitzen gelassen werde. Darum zog ich diese Mauer um mich. Susan, du kannst nichts dafür und du hast auch mit der Sache nichts zu tun, aber ich habe Angst. Das wollte ich dir nur sagen. Gute Nacht“, und er zog seine Hand langsam fort.

„Bleib hier“, flüsterte sie verweint und hielt seine Fingerspitzen umklammert. „Thomas, bitte lass uns beide jetzt nicht alleine. Lass mir noch ein paar Minuten Deine Hand.“

Ohne sie zu fragen, hob er kurz die Decke an und krabbelte zu ihr. Für ihn lagen die Karten jetzt offen auf dem Tisch. Und er wusste, dass in diesem Moment unweigerlich ein ganz neues Spiel begann. Ein Spiel ohne verdeckte Karten, ohne gezinkte Karten. Er wusste auch, dass er nur diese wenigen Tage hier bei ihr sein würde. Doch das Wissen um eine schöne Zeit schmerzte nicht so sehr, wie ein Dolchstoß ins Herz. Thomas drehte sich zu ihr und schloss sie fest in die Arme. „Schlaf gut, liebe Susan. Wenn es dich nicht stört, bleibe ich die Nacht hier.“ Er spürte ihr leichtes Beben, als sie die Luft einsog und dann fest an ihn geschmiegt kurz darauf einschlief. Ihm gingen nur noch ein paar verblasste Erinnerungen durch den Kopf, bevor Morpheus' Arme ihn auffingen.

Thomas erwachte, als Susan sich ein wenig streckte und auch gerade die Augen aufschlug. „Guten Morgen“, hauchte er, „war es nicht zu unbequem?“

„Unbequem? In deinen Armen? Nein, ganz bestimmt nicht. So gut habe ich schon lange nicht mehr geschlafen. Guten Morgen, Thomas. Und du? Hast du gut geschlafen?“ Ein wenig keck musste sie doch schmunzeln.

„Och ja, ich würde lügen, wenn es mir nicht gefallen hätte“, grinste auch er etwas verunsichert. „Wie sieht es aus mit Frühstück?“

„Ich muss erstmal ins Bad. Wenn du willst, kannst du Kaffee machen.“ Sie stand langsam auf und schenkte ihm einen sehr neckischen Blick.

Thomas sah ihr nur hinterher. Und was er zu sehen bekam, als sie die Tür öffnete und ihr Nachthemd von der Sonne durchflutet wurde, sorgte augenblicklich für Unruhe, vor allem in seiner Hose. Als sie zurückkam, lag er immer noch im Bett und sah zur Tür. „Bleib da mal stehen“, flüsterte er, „es sieht toll aus, wenn die Sonne deine Konturen sanft nachzeichnet.“

„Ach du!“, lachte sie, „du wolltest Kaffee machen.“

„Ich weiß doch gar nicht, wo ich alles finde“, neckte er und fing sie anschließend auf, weil sie sich lachend auf ihn stürzte. „Hey, hey, nicht so stürmisch“, hielt Thomas sie auf Abstand, zog sie sanft näher, umarmte sie fest und versank mit ihr in einem nicht endend wollenden Kuss. Ihre weichen Lippen umschmeichelten ihn.

Seine Hände konnten sie nicht mehr nur halten, sie wollten dieses Geschöpf streicheln, ihr Zärtlichkeit geben, ihr schweigend sagen, wie sehr er sie in diesem Moment begehrte. Langsam strichen sie über ihren Rücken, erreichten die Lenden, nur eben den Ansatz und dann lagen seine Hände vorsichtig knetend auf ihren wohlgeformten Hinterbacken. Kein weiterer Stoff, nur dieses dünne Nachthemd trennten sie von ihrer Haut.

Vor Erregung schnaufend lag Susan auf ihm. Nur ein wenig stützte sie sich hoch, gab seinem stillen Wunsch ihre Zustimmung das Hemd hochzuschieben, half nach und lag bar wieder auf ihm. Augenblicklich fühlte sie seine großen kräftigen und doch so zärtlichen Hände überall. An jeder für ihn erreichbaren Stelle genoss sie sein hingebungsvolles Verwöhnen. Durch die dünne Decke drückte sein hartes Glied prickelnd auf ihre empfindlichste Stelle. Bei jeder Bewegung rieb es daran und steigerte ihre Lust. Ihre Beherrschung fand ein Ende. „Thomas!“, gierte sie, „ich will dich jetzt.“

Noch bevor er reagieren konnte, hatte sie ihn ausgezogen und sein pulsierendes Schwert in ihrer Scheide versenkt.

Es gab kein Halten mehr. Sie trieben einander an, stöhnten ihre Lust sich gegenseitig zu und brachen mit der Welle der Erlösung nach Luft ringend zusammen.

Es schüttelte ihn immer noch vor Erschöpfung.

„Hallo! Thomas! Was ist? Thomas, aufwachen“, sprach ihn eine Stimme leise an und rüttelte vorsichtig an seiner Schulter.

„Was? Wie?“, musste er sich erst noch orientieren.

„Liebling, warum weinst du? Warum schnaufst du so erregt?“, sanft streichelte sie ihn wach.

Stumm hielt er ihr den noch ungeöffneten Brief seiner Schwester entgegen. Seine Augen ließen sie wissen, wo er gerade gewesen war. Thomas zog sie zu sich und hielt sie fest umschlungen. Nach einer Weile sagte er leise: „Susan, ich möchte wieder nach Hause.“

Sie suchte seinen Blick. „Was möchtest du? Nach Hause?“

„Ja, Susan. Ich möchte gern in der Praxis meiner Schwester arbeiten. Und du könntest auch wieder ...“

„Thomas, wir müssten uns aber bald entscheiden, wenn du solch großes Heimweh hast.“

„Warum?“, sah er sie mit großen Augen an. Doch seine Frau griff nur nach seiner Hand und legte sie tief in ihren Schoß.

„Darum, mein Liebster.“

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