Dann hatte Reiner die zündende Idee. Wie viele Angehörige seiner Zunft war er Mitglied in einem Literaturzirkel. Man las, debattierte, philosophierte und erörterte Kant, Hegel, Proust, aber auch zeitgenössische Literatur. Der Männerclub traf sich ein Mal im Monat, und immer wieder wurden auch literarische Eigenkreationen dargeboten, die die Bezeichnung „Literatur“ aber nur in den allerwenigsten Fällen verdienten. Auch Erotisches hatte durchaus seinen Platz, allerdings nicht in der Härte eines Charles Bukowski oder der etwas abstossenden Detailtreue einer Charlotte Roche. Literarisch Verbrämtes war gefragt, und Reiner beschloss, einen Versuch zu wagen. Auch Gäste, vor allem weibliche, waren stets willkommen, und es bereitete der akademischen Männerschar eine gewisse Freude zu beobachten, wie Frauen auf derbe Textpassagen reagierten.
Sabine sagte rascher zu als Reiner das erwartet hatte. An einem lauen Juniabend erwartete er sie am Bahnhof, im offenen Cabrio, und freute sich über ihr wehendes Haar während der Fahrt. Sabine und er unterhielten sich über Belangloses. Man kannte sich ja schon lange, war durch manches hindurchgegangen, hatte auch Tragödien geteilt. Im Grunde stehen sich Berufspersonen oft näher als Ehepartner. Sie sehen sich öfter, die Erlebnisdichte ist höher und der Kanon einer gemeinsamen Sprache, gemeinsamer Interessen ist intensiver. Die schlecht beleuchtete Seitenstrasse, in der das Literaturclublokal sich befand, war am andern Ende der Stadt. Beinahe hätte Reiner eine Ampel übersehen und einen Unfall gebaut, in dem Augenblick nämlich, in dem Sabine, die ein elegantes Trägerkleid trug, ihre Arme hinter dem Kopf verschränkte und ihr dichtes Achselhaar zeigte. Während des ganzen Abends konnte Reiner an nichts anderes mehr denken als an diese kurze Seqenz zwischen zwei belebten Strassenkreuzungen. Sein Berufskollege Lorenz nahm ebenfalls an jenem Abend teil, und Reiner überlegte sich ein letztes Mal, ob er „Mala, die Wasserträgerin“ wirklich als eigene Story deklarieren und vorlesen sollte. Was aber, wenn jemand die ursprüngliche Autorin kannte? Die Wahrscheinlichkeit war eher klein, aber dennoch...
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