Die Reise

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Die Reise

Die Reise

Yupag Chinasky

Sein Gehilfe, ein dürrer junger Mann in Shorts und T-Shirt, zog an einem Strick eine junge Ziege hinter sich her, die vielleicht ahnte, was ihr bevorstand, jedenfalls sträubte sie sich und jammerte herzerweichend. Während der Gehilfe einen Stock in den Boden rammte und den Strick befestigte, machte der Alte allerhand Firlefanz. Er breitete Palmwedel in einen Tonkrug, den jemand bereitgestellt hatte und verspritzte Wasser auf die Anwesenden. Die Ziege hörte nicht auf, kläglich zu meckern. Unbeeindruckt hatte der Metzger oder war es ein Priester, seine beschwörenden Rituale fortgeführt und zwischendurch immer wieder kurze Reden gehalten, die von den Anwesenden mit Beifall aufgenommen wurden. Seine gezischte Bitte, Angela möge gefälligst übersetzen, ignorierte die jedoch. Dann reichte der Gehilfe dem Meister eine Machete und ohne zu zögern, ohne eine Regung des Mitleids schlug dieser dem Tier den Kopf mit einem einzigen, kraftvollen Hieb ab. Sofort stürzte sich der Gehilfe mit einer Waschschüssel auf den entseelten Körper und fing das Blut auf. Unter dem Beifall der sichtlich erregten und gespannten Anwesenden, nahm der Priester, es war klar, dass es nicht nur ein einfacher Schlachter war, die Schüssel und schritt langsam auf das Ehrenpaar zu und richtete seine Worte nun unmissverständlich nur an die beiden. Natürlich verstand er wieder kein Wort und Angela, die er mehrfach anstieß und sie bedrängte, dass sie endlich etwas sagen, endlich den Quatsch übersetzen möge, schaute ihn nur verschämt an, sagte aber kein Wort. Als er nicht locker lies und drohte, augenblicklich zu gehen, wenn sie keine Erklärung abgäbe, flüsterte sie, es sei alles harmlos, alles sei kein Problem, es sei eine Abschiedsfeier und er solle sie einfach über sich ergehen lassen, sie sei ohnehin gleich zu Ende. Abschiedsfeiern seien in ihrem Land nun einmal aufwändiger und auf jeden Fall ganz anders, als in seinem.

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