Und dann überrollte sie die Übelkeit.
Bevor sie reagieren konnte, beugte sie sich reflexhaft nach unten und übergab sich über ihr linkes Bein. Der saure Geruch stieg ihr sofort in die Nase. Dreimal musste sie würgen, bevor sie wieder Luft bekam.
Das Publikum hinter der Bande verstummte kurz, doch niemand verstand, was wirklich passierte.
Sie wischte sich mit dem Ziegenleder ihrer Handschuhe den Mund ab und zwang sich, ruhig zu atmen.
Jetzt gab es kein Zurück.
Vor dem Richter hielt sie an.
Ihr Pferd wurde unruhig, scharrte, spürte ihre Unsicherheit.
Der Mann sah sie an. Sein Blick ging von ihrem Stiefel - wo sich die Spuren ihres Erbrechens dunkel abzeichneten - zu ihren glasigen Augen.
Zu ihrem Schwanken.
Er erkannte die Gefahr.
Jeder erfahrene Turnierrichter hätte es erkannt.
Für einen Moment flackerte etwas in seinem Gesicht - Zweifel, vielleicht Mitgefühl, vielleicht Angst vor der Verantwortung.
Dann presste er die Lippen zusammen, hob die Hand und gab die Startfreigabe.
Er würde später behaupten, Sophie habe fit gewirkt.
Die Wahrheit kannte nur er.
Sophie drückte sich fester in den Sattel. Ihre Muskeln brannten, ihr Rücken zog, und ihr Magen rebellierte bei jeder Bewegung. Doch sie zwang sich in die Haltung, die ihr Körper längst nicht mehr tragen wollte.
Das Pferd fing die Spannung auf.
Es wurde nervös.
Die Ohren zuckten, das Maul schäumte.
„Wir schaffen das, mein Süßer …“, flüsterte sie atemlos und tätschelte seinen Hals.
Einen Moment lang schien er sie zu verstehen.
Dann ritt sie los.
Der erste Sprung: fehlerfrei.
Der zweite: sauber.
Die Zuschauer nickten erstaunt über ihre Fassung.
Doch nach jedem Hindernis wurde die Welt ein Stück unschärfer.
Farben verschmolzen zu Flächen, Geräusche hallten wie durch Wasser.
Beim vierten Sprung verlor sie die berühmte Leichtigkeit ihres Sitzes.
Reiterball der Verführung
Sophie von Wolfenstein - Teil 4
18 28-43 Minuten 0 Kommentare
Reiterball der Verführung
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