Rettungsgasse

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Madam Lasterhaft

Um ein Haar wären Timos schwere Augenlider ihm zum Verhängnis geworden. Müde war sein Kopf nach vor gesackt. Das Brennen im Nacken weckte ihn auf. Er rief sich zur Ordnung, streckte sich möglichst unauffällig und nahm einen tiefen Schluck aus seinem erkalteten Kaffeebecher, den er aus der Becherhalterung seines Dienstwagens nahm. Das dumpf schabende Geräusch seiner Finger an dem Pappbecher war ihm vertrauter als die Stimme seiner Freundin, die er seit einer für ihn unerträglich langen Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Es galt eine Zielperson zu observieren. Er kniff die Augen zusammen und versuchte das Augenbrennen der müden Augen durch blinzeln zu vertreiben, wenn er sich die Augen mit den Fingern gerieben hätte, wären andere schließlich auf ihn aufmerksam geworden.

Die herbstliche Kälte war in den Innenraum des Autos gekrochen, da halfen die mit Stoff überzogenen Sitze und die über den Schoß gelegte Decke nur erbärmlich wenig dagegen. Mit dem nächsten Einkommen würde er sich eine Heizdecke mit Zigarettenanzünderanschluss besorgen. Eine Standheizung war zu teuer. Vor gut einem Jahr war seine polizeiliche Karriere an den Nagel gehängt worden. Ende Gelände. Zu oft hatte er sich, um den polizeilichen Alltag vergessen zu können ein paar Joints zu viel gegönnt und war im Dienst zu selten bei der Sache gewesen. Das erregte Aufmerksamkeit. Ermahnung, Abmahnungen und die Kündigung. Es kam wie am Schnürchen. Der gesetzlich geregelte arbeitgeberseitige Exit Plan, der kommen musste. Auch wenn Timo das erst als er den Brief der Polizeiinspektion in der Hand hielt, wirklich realisierte.

Schon wieder war er da, der nächste Gedanke an Beate. Ihn durchzog ein Gefühl von siedend heißer Hitze der Erregung. Ihre hellblond beinahe weiß gefärbten Haare. Bis zu ihren Hüften umspielten sie die Rundungen, die sie zu Genüge hatte. Wie gemalt sahen auch ihre zart geschminkten Lippen aus die sie oft sanft geschlossen hielt. Zu perfekt gerundet und geschwungen waren sie, um ihnen die Farbe von den Lippen zu küssen. Die Brauen waren braun, sanft im Verlauf, ihre Mimik hatte etwas von Güte und Unschuld. Wenn Timo es sich aufrichtig eingestand, hatte er sein Männerherz verloren. Sie war so jung. Sie war so schön. Bestimmt noch keine 23 Jahre alt.

Ein paar Zentimeter tiefer betrachtet sah die Sache mit der Unschuld Beates schon ganz anders aus. Auch wenn man die vielen kleinen Steinchen in ihren Ohren sah. Ihr lasterhafter Tacho hatte da schon einiges an Laufleistung auf dem Zählerstand. Es war wie als wäre eine verruchte Heilige zu ihm hinabgestiegen. Das schwarze Lackteil, das ihren Körper überzog, reflektierte das Scheinwerferlicht. Die Cut Outs ließen wenig Zweifel über die körperlichen Raffinessen von diesem Meisterwerk von Mutter Natur. Untermalt von einem glitzernden Bauchnabelpiercing und einem geschwungenen Tattoo, welches gut versteckt unter den Strumpfhosen nur selten zum Vorschein kam bzw. wirkte wie in diese eingearbeitet. Gekonnt räkelte sich Beate an der Stange und ließ sie zwischen ihren Schenkeln eingeklemmt als sie sich kopfüber teils gespreizt, teils mit einem Innenschenkel sich haltend auf Etappen heruntergleiten ließ. Was war nur mit Timo passiert, dass er den Engel in dieser für jeden verfügbaren Frau sah? Er konnte ihr stundenlang dabei zusehen, wie sie sich in der Umkleide die gefährlich aussehenden Lackstiefel um die Waden band, sie wieder auszog, sich in das nächste Beinkleid schob. Ihm fiel hierfür keine schönere Beschreibung ein. Er verfluchte und liebte den Job als Security und Privatdetektiv.  Perfekt war die Möglichkeit seiner Beate nahe zu sein. Die abschätzigen Blicke der Gäste versuchte er zu ignorieren. Hatte er sich im Dienst früher den Weg durch eine Rettungsgasse zum Unfallort gebahnt so waren alle ehrfürchtig zur Seite gewichen aus Respekt vor der Hand des Gesetzes. Die Zeiten hatten sich gewandelt so war die Schillerstraße zu seiner persönlichen Rettungsgasse geworden. Seinem Hafen. Dem Ort seiner Träume. Sehnsüchte. Begierden. Ab dem ersten Moment, in dem er in dem Etablissement arbeitete, war es für ihn wie eine zweite Familie. Wie schnell sich Beate zu ihm in den Personalraum gesetzt hatte. In seinem inneren Plan war er noch gar nicht bereit dazu. „Ich habe den Securities vor dir nicht vertraut. Du drängst dich überhaupt nicht auf. Ich mag das. Könntest du mich hier einsalben? Ich habe mich ganz schön aufgeschürft. Ist halt ein Knochenjob.“ Sagte sie augenzwinkernd. Timo durchfuhr es siedend heiß. Die Absicht nicht rot zu werden war offensichtlich gescheitert. Sein Spiegelbild verriet einen verschüchterten Mann, der sich die Cremetube in die Hand geben ließ. Vorsichtig öffnete er den Deckel der Tube. Da war wohl auch Druck drauf. Ein kleiner Schwall sammelte sich in seiner Handfläche. Er verrieb es schnell damit seine feuchten Handflächen nicht auffielen. So unbeholfen kannte er sich noch nie. Vorsitzig tupfte er an die Stellen der Oberschenkel und der Hüfte. Während Beate sichtlich etwas von ihrer Spannung abgab und sogar die blau metallic geschminkten Augen geschlossen hatte, wie er im Spiegel erkennen konnte verschaffte ihm das die Zeit, die er brauchte. „Ich habe eine Freundin. Es läuft gerade nicht so gut. Würdest du mit mir zur Imbissbude nebenan gehen?“ brachte er holprig hervor. Keine Reaktion. War sie eingeschlafen? Sie stand nach ein paar Minuten auf bedankte sich mit einem Kuss auf seine Wange und ging nach Hause, zwinkerte ihm am Ausgang zu. Timo blickte auf seine Uhr. Noch eine Stunde bis zu seinem nächsten Job. Er gab Gas.

Nicht dass er es schwer gehabt hätte sich ein paar weibliche Zeitvertreibe zu organisieren. Timo war, nachdem seine Zwanziger schon vor einem halben Jahrzehnt vorüber waren an etwas Handfestem interessiert. Spielchen waren okay aber gerne im Rahmen einer Beziehung erwünscht. Wie ihm das zum Teufel in der Schillerstraße gelingen sollte, war ihm noch ein Rätsel. Es würde eine interessante Erfahrung werden, eine normale Beziehung zu initiieren. Die ganzen auf den ersten Blick alltäglichen Dinge, die Paare so tun wie zusammen Filme zu sehen, Eis zu essen war hier etwas Außergewöhnliches. Timo blickte in das dunkle Braun seines hin und herschwappenden Kaffees. Er überlegte, ob seine Leidenschaft für Kaffee sich gut mit der hellen Haut Beates vertrug und wie ihre Armbeuge, ihr Hals und Scham schmeckte, nachdem er ebendiesen seine Kehle hinabrinnen hatte lassen. Wenn das etwas mehr zwischen ihnen werden sollte, würde er stolz sein, dass andere Männer sich mit ihrem Konsum und den zugeworfenen Scheinchen um Hof und Hund brachten, während er der Mann war, mit dem sie ins Bett gehen würde. Der ihre Seele erwärmen und natürlich mit ihr den göttlichsten Sex aller Zeiten haben würde. Sie wäre die Mutter, die die Erzieher und andere Erwachsene dort sprachlos machte. Die lebendige Sünde auf zwei Absätzen. Vielleicht dann etwas gemäßigt, dennoch unverkennbar mit erotischem Understatement. Mit Stolz würde er am Bett die pink weiße Bäckertüte mit frischen Brötchen rascheln lassen, um mit ihr in den Tag zu starten. Genug der Zukunftsmusik. Andererseits waren Gedankenspiele die schönste Art sich das langatmige Warten überbrücken zu können. Die Nacht war schwarz wie Beates Kleid, das sie sich über das Latexoutfit zuletzt geworfen hatte.

Bald war Halloween. Als was sie sich verkleiden würde? Timos Gedanken fuhren Karussell. Catwoman würde sich gut anbieten. Oder doch eine böse in weißem Lack gekleidete Krankenschwester?  Vielleicht griff sie zu einer der farbigen Perücken ihrer Kolleginnen. Es würde spannend werden. Für Timo war es eine neblige Lustwolke. Zurück zur Realität. Es tat sich nichts. Timo fuhr in seine Wohnung. Genug Observiert für heute. Morgen war auch noch ein Tag. Zudem ein Tag mit Beate es war schließlich der erste des neuen Monats. Das bedeutete viel zahlende Kundschaft und demnach viel zu beschützen, was die attraktiven Frauen anging. Wie kam es dazu, dass er sie pflegen durfte. Er hatte eine unruhige Nacht. „Kaffee?“, bot ihm Beate mit lächelndem Blick in der Arbeit an. Es gab nicht viel hinzuzufügen. Anscheinend war sein Zustand offensichtlich. „Ja, gerne.“ antwortete Timo knapp. Die Gewitterwolke über seiner Mimik schien sich zu verziehen. „Heute werde ich zwei Schichten machen, da Monatsanfang ist. Hast du Lust morgen, wenn der erste Besucherstrom vorbei ist mit mir spazieren zu gehen? Ich würde dir gerne etwas zeigen.“ Timo nickte stumm vor Verwunderung.

Er fand sich mit seinen Händen in den Manteltaschen eingegraben im Nympenburger Park wieder. Viel war Grün war von den Pflanzen nicht erhalten geblieben. Sachte wehten die taubenetzten Spinnweben im Windhauch. „Du wunderst dich vielleicht wegen der Location. Ich mag die Stille hier. Ein angenehmer Kontrast du der Lautstärke und Aufdringlichkeit im Club.“, ließ Beate sich in die Karten schauen. Auch mit wenig Makeup und flacheren Lederstiefeln sah sie sehr attraktiv aus. „Was machst du gerne?“, fragte sie. „Ich mag Eishockeyspiele.“, brachte Timo heraus, um es im selben Moment zu bereuen, denn das schien keine ideale Möglichkeit eines ruhigen Dates. „Dinner in the Dark hast du schon einmal versucht?“, fragte Beata nach. „Nein noch nicht. Lass uns doch jetzt gerade den Moment voll genießen“, antwortete er und musterte die grauen Augen, die ihn so durchdringend ansahen. Beate hakte sich bei ihm ein und legte ihren Kopf auf seiner Schulter ab als sie auf einer Bank saßen. „Ich bin gerne mit dir hier.“ flüsterte sie und rückte nahe an ihn heran mit ihrem lila Filzmantel und der schicken Blume im Haar. Timo ließ einen inneren Plan ablaufen. Streichelte ihre Haare, bemerkte den winzigen Ansatz ihrer echten Haarfarbe und musterte ihr Profil. Was darunter wohl noch alles verborgen lag? Ihre feinen Finger, die so harte Arbeit leisteten legten sich lederbehandschuht auf seinen Oberschenkel. Ein Hoch auf die Jeans, die seine Erregung zumindest etwas im Zaum hielt. „Ich wollte dir noch die besondere Stelle zeigen.“ Oh ja, das wollte er auch mehr als gerne, seinen besonders erregten Penis vorzeigen. Vorbei an ein paar Gärtnern des Parks gingen sie zur Klause. Sie hatten Glück, normalerweise war diese in der Jahreszeit geschlossen. Außen lagen zahlreiche Bretter. Timo blickte in Beates überraschte Augen. Die Tür war offen. Ein Hoch an die vergesslichen Handwerker dieser Welt. Andächtig schlossen sie die Tür und betrachteten das Meer an opulentem Muschelschmuck, der an den Wänden eingearbeitet war. Vorbei am leeren Kassenstand zog Beate Timo hinter sich her.

Hier war es fast genauso kühl wie draußen. Beide öffneten ihren Mantel und gruben die Hände und Arme darunter. Hier half nur sich die Lippen zu wärmen und die Zungen zart in den Mund des anderen zu schieben und die andere hervorzulocken. Die Kleidung war schnell so verschoben damit das Verlangen fühlbar werden konnte. Haut auf Haut war diese Frau ein wohliger Flächenbrand. Mit dem Mantel über ihren Schultern und den Knien auf dem ausgebreiteten Mantel Timos ergoss sich ein sanfter Regen aus Küssen über dessen Brust, welcher die harten Nippel seiner Angebeteten aus ihren engen Körbchen erlöste und sanft zwirbelte. Sie fühlten sich wohlig warm wie übergroße zwei Feigen in seinen Händen an. Zum lecken schön. Draußen krachte etwas. Erschrocken fuhren sie herum. Beates Schenkel waren stramm, fast unbarmherzig im Griff geworden. Die Kleidung war an intakter Stelle und bedeckte alle artig. Sie schlichen in Richtung Ausgang und warfen sich dabei die Mäntel über. Lachend liefen sie händchenhaltend durch das Gestrüpp den Weg entlang, um zu einem warmen Bett zu fahren.

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