Rot

Vier Farben

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Sie hatte einen vollkommen anderen Ton in ihrer Stimme als zuvor, ruhiger und säuselnd, der mein Gehirn in eine breiige Masse verwandelte.
„Wohin müssen sie denn?“, fragte ich und musste dabei alle Kraft meiner Gedanken zusammennehmen, um nicht sofort zuzusagen.
Sie sagte mir die Adresse, und mir wurde sofort klar, dass es überhaupt nicht auf meinem Weg lag. Trotzdem sagte ich zu, ich fühlte mich dafür verantwortlich, sie an diesem Ort sicher abzuliefern.
Es wurde eine kleine Horrortour, um es genau zu sagen. Nichts an meinem Auto schien sie gut zu finden. Zu klein, langsam und unbequem. Sagte jemand, der gerade noch in einem Sportwagen gesessen hatte. Gut, Luxus war es nicht, aber man kam von einem Ort zum anderen. Das hatte ihr Fahrzeug nicht geschafft.
Irgendwann kamen wir an der Adresse an und sie stieg nicht gleich aus. Ich erwartete zumindest ein Dankeschön, sonst nichts, damit wäre ich zufrieden gewesen, doch das kam nicht. Stattdessen sah sie mich kurz an, krame in ihrer Handtasche, die sie mitgenommen hatte, und holte einen Lippenstift heraus, zog damit die Linien nach.
„Es wird nicht lange dauern. Danach fahren sie mich nach Hause!“
Ich war baff und verwundert. Sie machte zuerst mein Auto schlecht, missachtete jede Art von Höflichkeit, von Dank war keine Rede und sie brachte es fertig, ohne mit der Wimper zu zucken, diese Unverfrorenheit zu äußern. Dabei wartete sie nicht einmal auf meine Antwort. Stattdessen forderte sie mich dazu auf, ihr die Tür zu öffnen.
Jetzt platzte mir der Kragen.
„Das könne sie selber und nach Hause kommen sie sicher auch alleine. Ich habe keine Zeit dafür, mich um sie zu kümmern!“, warf ich ihr vor die Füße und sie schien davon nicht besonders beeindruckt zu sein. Stattdessen säuselte sie mir erneut in die Ohren, und ich fühlte mich wie in Watte gepackt. Sie beugte sich langsam vor und kam mit ihren knallroten Lippen dicht an mein Ohr heran.
„Dabei hatte ich vor, mich noch herzlich bei ihnen zu bedanken. Zuhause!“, sagte sie, wobei sie das letzte Wort deutlich hervorhob.
Ich schluckte, die wildesten Fantasien machten sich in mir breit. Dieses Angebot anzunehmen war Pflicht. Alleine die unbestimmte Aussicht ließ meinen Körper anspannen.
Wie von selbst stieg ich aus, öffnete ihr wie gewünscht die Tür und sah ihr dabei zu, wie sie in das Haus ging, vor dem ich parkte. Danach setzte ich mich zurück in den Wagen und wartete.
Was immer bei ihr „nicht lange“ bedeutete, es war eine andere Dimension als bei mir.
Es dauerte über zwei Stunden, bis sie zurückkam und sich, wie selbstverständlich neben mich setzte.
„Wir können los, geben sie Gas, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“, wies sie mich harsch an, und ich startet den Motor, fuhr der neu angegebenen Adresse entgegen.
Schnell wie möglich trafen wir dort ein und ich parkte vor einem großen Haus, eher einer Villa. Ein prächtiges Gebäude, das sicher ein Vermögen gekostet hatte. Wir stiegen aus und sie forderte mich dazu auf, mitzukommen. Nichts hätte ich lieber getan, achtete dabei weniger auf das Haus als auf sie.
Alles an ihr schien perfekt zu sein, genauso wie ich mir eine Traumfrau vorgestellt hatte und je länger ich mit ihr zusammen war, umso mehr war ich davon überzeugt.

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