Doch Großmutter kannte kein Erbarmen. Rotkerbchen war gerade achtzehn Jahre alt, da sollte sie auch schon ins finstere Kloster gesteckt werden. Denn Omas strenge Hand erlahmte, und die frommen Schwestern verstünden sich ohnehin besser auf strenge Mädchenzucht.
Da weinte das Rotkerbchen gar bitterlich. Schon hier war ihre Kammer kalt und karg. An dünne Suppe und steinhartes Brot war sie bereits gewöhnt, genau wie an vergitterte Fenster.
Doch wenn sie herausschaute, konnte sie wenigstens hübsche Burschen sehen. Und die verleiteten sie zum träumen.
Geiß, keusch waren diese Träume nicht; aber doch voller Liebe, sowie einer gehörigen Portion Leidenschaft.
Im Kloster wurde ja auch sehr viel von Liebe und Hingabe geredet. Doch dass diese Art von Liebe nicht nach Rotkerbchens Verständnis war, das wusste sie noch aus den Erzählungen der Mama. Denn die war einst über die Mauer einer solchen Anstalt geklettert, und unter abenteuerlichen Umständen in die weite Welt geflohen...
...„Aber mein liebes Kind, was weinst du denn solch bittere Tränen?“ ...zwitscherte da plötzlich eine kleine Schwalbe auf dem Fenstersims.
„So lange du Freunde hast, gibt es kein Leid, das nicht zu lindern wäre. Wir haben schließlich nicht vergessen, dass du in jenen kalten Wintertagen dein karges Brot mit uns geteilt hast. Und wir kennen natürlich auch größere Tiere, die uns gewogen sind.“
„Wir kennen zum Beispiel einen großen, schwarzen Wolf, dem wir hin und wieder die Flöhe aus dem Pelz picken. Die Menschen nennen ihn den „Bösen Wolf“, nur weil er manchmal alte, hässliche Großmütter frisst, die nicht schnell genug weglaufen können. Doch im Grunde seines Herzens ist er ein guter Kerl. ...Na ja, vielleicht ein bisschen exzentrisch; er zieht manchmal die Kleider alter Frauen an, singt schmutzige Lieder, und hält sich für einen verwunschenen Prinzen. Aber ansonsten ist er ein zuverlässiger Dienstleister, der schnell und sauber arbeitet“, lachte das Schwälbchen, und zeigte seine Zähne.
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.