Rotweinflecken

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Yupag Chinasky

Dies ist ein Kapitel aus dem Roman „Götterdämmerung“ von Yupag Chinasky. Der als print-on demand oder als e-book bei epubli.de, Amazon oder anderen Anbietern erworben werden kann.

Ihm war klar, dass die bisherigen spielerischen Andeutungen, mit denen er seine Bereitschaft gezeigt hatte, so langsam durch handfeste Aktionen abgelöst werden müssten, wenn er weiter kommen wollte in dieser Nacht. Aber anstatt sie nun einfach weiter an sich zu drücken, sie vielleicht zu küssen oder ihr in das kleine Ohr zu flüstern, wie schön sie sei, wie schön es mit ihr sei oder dass er sie gernhabe und dass er auch gerne hätte, was sie ebenfalls gerne hätte oder ihr auf irgend eine andere Weise zu verstehen zu geben, dass er genau dasselbe wollte, also statt Fakten zu schaffen und die Sache in die Hand zu nehmen und voran zu bringen, tat er – nichts und bereute es prompt. Denn Ana tat etwas, etwas Unerwartetes. Sie beendete den Tanz ganz profan, ganz prosaisch. War sie enttäuscht? Hatte sie gemerkt, dass er sich zurückgezogen hatte? Hatte sie zu viel investiert und nicht genügend zurückbekommen? War sie frustriert, weil er so verklemmt, so altmodisch zurückhaltend war oder war sie gar selbst eine altmodische Tante, die erobert werden wollte, die immer noch glaubte, die Initiative für ein Mehr müsste letztlich von dem Mann ausgehen, während es in Wirklichkeit doch die Weiber sind, die die Dinge vorantreiben? Wie dem auch sei, der Tanz war beendet und beide kehrten recht plötzlich aus ihrer Verträumtheit in die Realität zurück. Die Körper lösten sich voneinander und während sie den Kamin ansteuerten, war er schon dabei, sich zu ärgern, was war für ein unentschlossener Depp er war, was für ein Arschloch, was für ein Versager. Doch der entscheidende Augenblick war vorbei, the distinct moment verweht. Sie setzten sich wieder auf die Stühle, getrennt durch das niedrige Tischchen. Ana kramte aus ihrer kleinen, roten Handtasche einen Klappspiegel, einen Lippenstift und ein Taschentuch hervor. Dann begann sie, ihr Aussehen zu kontrollieren, verzog den Mund ein wenig, runzelte die Stirn, wischte hier etwas weg, fuhr die Form der Lippen nach und presste sie danach zusammen, stellte mit kritischem Blick fest, dass Puder und Mascara wohl noch in Ordnung waren. Zum Schluss öffnete sie die Haarspange, ordnete die Haare ganz ohne Kamm, nur mit den Fingern und klemmte dieses irgendwie altmodisch wirkende Silberding neu ein. Ein letzter Blick in das Spiegelchen, dann klappt sie es zu und nachdem alles wieder in dem Täschchen verstaut war, kam sie, entspannt, gelöst, anscheinend kein bisschen verärgert oder enttäuscht und immer noch hellwach auf Antonio zurück und begann ihre vorgeblich letzte Erzählung.

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