Rotweinflecken

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Yupag Chinasky

Dies ist ein Kapitel aus dem Roman „Götterdämmerung“ von Yupag Chinasky. Der als print-on demand oder als e-book bei epubli.de, Amazon oder anderen Anbietern erworben werden kann.

Aber was die Vögel tatsächlich von ihm wollten? Ich habe mir jedenfalls noch etwas ganz anderes vorgestellt. Du musst wissen, der Grafner hat für solche Arbeiten immer seine alte, rote Lederjacke angezogen, sozusagen seine Uniform von früher, auf dem Rücken stand „Grafner-Reisen“ und auf dem Kopf trug er die passende Mütze, auch aus Leder, auch weinrot, wie der Bully und genauso zerknautscht wie die Jacke. Ich habe mir auf einmal vorgestellt, dass der dicke, runde Grafner wie ein roher Riesenklops ausgesehen hat, wie eine Kugel aus Hackepeter, wie Tatar und dass die armen, hungrigen Krähen in ihm einen willkommenen Snack gesehen haben, einen Hamburger ohne Kluntschbrötchen, von dem sie sich ihren Anteil picken wollten. Vielleicht waren die Vögel noch wegen der Nachwirkungen des Sozialismus in der ehemaligen Sowjetunion so ausgehungert oder sie kamen direkt aus Nordkorea, wo es ja angeblich gar nichts gibt, egal, Grafner erschien ihnen jedenfalls besonders appetitlich. Diese Vorstellung war der Grund, dass ich zu lachen anfing, so was von lachen und als ich mir dann weiter vorstellte, dass André ein Torero sei, der Don Escamillo aus Carmen, meiner Lieblingsoper, und die Krähen die Stiere, viele Stiere, die sich auf ihn stürzen, weil das Rot der Jacke und der Mütze sie reizte, hätte ich mich kugeln und kringeln können. Auf in den Kampf, die Schwiegermutter naht! André, der dicke André als Torero und die Krähen als Stiere, dieser Gedanke war umwerfend komisch und ich musste immer noch mehr lachen und noch mehr. Ich konnte mich nicht mehr halten vor Lachen, ich habe am ganzen Körper gebebt und da ist dann der Tornado entstanden und mein unschuldiges, weißes Kleid war plötzlich nicht mehr unschuldig, nicht mehr Immaculata. Der riesige rote Fleck hat mich ernüchtert und auf einmal war mir mein Gelächter so was von peinlich, du kannst es dir gar nicht vorstellen, wie peinlich das für mich war.

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