“ Sie hob das Glas und neigte es ungeschickt, so dass ein Teil des Weins an seinem halb geöffneten Mund vorbei und das Kinn hinab rann, auf seinen Hemdkragen, auf den Pullover. Sogar bis auf die Hose rann der rote Saft. „Tschuldigung! Entschuldigen Sie, mein Herr, dies kleine Missgeschick. Betienung!“ schrie sie in gespieltem Entsetzen. „Betienung, eine neue Serviette pittte, aber etwas plötzlich, wenn ich pittten darf.“ Die erneute Ungeschicklichkeit mit Rotwein tat ihr offensichtlich gar nicht leid, sie lachte und hob ihre Hand, um über seinen Mund zu wischen, doch dann war auf einmal ihr Gesicht ganz nahe an seinem Gesicht und dann geschah etwas Unerwartetes. „Wenn wir keine Serviette haben, muss es auch so gehen“, flüsterte sie und streckte ihre Zunge heraus und leckte ihm die Tropfen vom Mundwinkel und vom Kinn und versuchte dann sogar, seinen Hemdkragen mit ihrer Zunge zu reinigen. Er war leicht pikiert, straffte seinen Oberkörper, zog sich in einen Panzer zurück. Sie merkte seine Abwehr, ließ von ihm ab und lehnte sich wieder zurück. Plötzlich schien ihr klar geworden zu sein, was sie da gemacht hatte und dass es wohl nicht so ganz schicklich war, einem Fremden, einem Gast das Gesicht abzulecken, wie ein Hund, wie so ein Beagel mit den treudoofen Augen und den Schlabberzungen. Pfui Deibel! Rief sie in gespielter Entrüstung und die Ernüchterung schien zurückgekehrt zu sein. Wieder und wieder sagte sie, genauso leise, genauso verklemmt, wie im Weinkeller: „Entschuldigung.“ Aber er hatte das Gefühl, dass sie das gar nicht ernst meinte und dass sie ihre Zungenarbeit in keiner Weise bereute und ein wenig ärgerte er sich, dass er so saublöd reagiert hatte, so pingelig, so ete-petete, aber der kurze Moment der Annäherung war nun vorbei, der Zauber verflogen und auch der Rotwein war nicht mehr da, nicht einmal mehr Flecken, zumindest keine sichtbaren.
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