Dragana seufzte. "Sabea wird ihre Würde verlieren", sinnierte sie. "Ihr Blick wird abstumpfen; sie wird an Gewicht zunehmen und in ihrem Schoss werden sich Krankheiten ausbreiten." Jonston schauderte. Er war ein gläubiger Mann und wusste, dass kein Gott dieser Welt es ihm verzeihen würde, wenn er sein geliebtes Kind in die Prostitution entliesse. Natürlich benutzte niemand im Dorf diesen Begriff. Auch von Hurerei redete keiner, obwohl sie allgegenwärtig war.
Nein, man sprach im Zusammenhang mit Liebesdiensten vornehm von "Hübschlerinnen". Das Wort stammte aus der Zeit der Gegenreformation und hatte vor allem in Städten wie Mainz und Köln Fuss gefasst. Sabea sollte also zur Hübschlerin werden und so ihre Familienmitglieder vor dem Abgrund bewahren, indem sie täglich ein paar Gulden nach Hause brachte. Jonston machte eine Handbewegung, als wollte er eine Fliege verscheuchen. In Wahrheit verscheuchte er nur einen Gedanken. Den Gedanken, wie sich seine Sabea den betrunkenen Bauern im kleinen Zimmer über der Dorfkaschemme öffnete, wie sie ihr zartes Geschlecht den schwieligen Fingern irgendwelcher Kartoffelhelden und Herzmuschelfänger preisgab.
Was er und seine Frau Dragana nicht wussten: Sabea hatte schon längst ihre eigenen Erfahrungen gesammelt als Hübschlerin, obwohl es ihr fast das Herz brach und es ihr immer schwerer fiel, bei ihrem Tun die Gedanken an ihren geliebten Holger zu verdrängen. Ihm hatte sie ihre Seele geschenkt, dem nahen Städtchen aber ihren Körper. Natürlich trieb sie es nicht in der Dorfkaschemme. Wie ein Lauffeuer hätte es sich herum gesprochen; ihre Eltern hätten zweifellos davon erfahren und sie dann möglicherweise verstossen, so dachte sie. Ausserdem kannte sie genügend Mädchen in ihrem Alter, bei denen es trotz fleissigen Waschens nie mehr aufhörte, untenrum zu brennen.
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