Sabea, das Ziegenmilchmädchen

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Sabea,  das Ziegenmilchmädchen

Sabea, das Ziegenmilchmädchen

Anita Isiris

Über Monate hatten sie im Zimmer über der Kaschemme ihr Geld verdient. Dann versiegte der Appetit. Ihre Augen fielen in die Höhlen zurück. Es kamen unerbittliche Gliederschmerzen, Fieber, das Leiden am syphilitischen Primärulkus, geschwollene Lymphknoten. Unbehandelt, weil geheim gehalten, erlagen Sabeas Freundinnen den neurologischen Folgen des Quartärstatiums der bis in unsere Tage gefürchteten syphilitischen Geissel.

Sabea war schlauer; als Hübschlerin gab sie sich nur einem einzigen Mann hin. Jeden Morgen um fünf Uhr musste sie aufstehen und den reichen Dorfbewohnern – davon gab es einige – Ziegenmilch an die Haustür bringen. Unter den wichtigsten Kunden war der Bürgermeister des Städtchens sowie der umliegenden Dörfer, ein hagerer, gut aussehender Mann um die vierzig. In der Morgenkälte zog Sabea ihr Leiterwägelchen mit den Milchkannen hinter sich her und hatte immer starkes Herzklopfen, wenn sie sich dem herrschaftlichen Haus der Bürgermeisterfamilie näherte.

Sie wusste um die beiden gefährlichen Hunde, die dem Postboten, dem Fleischer und dem Bäcker, die ebenfalls ihre Produkte an die Haustür lieferten, das Leben schwer machten. Zwischen fünf und sechs schliefen die beiden Köter jedoch tief und bewegten ihre feuchten Lefzen nur im Traum ein wenig. Trotzdem ging Sabea jedes Mal auf Zehenspitzen aufs Haus zu, damit die Tiere nicht durch knirschenden Kies auf sie aufmerksam wurden.

Vor ein paar Monaten hatte ihr der Bürgermeister Martin Lander persönlich die Tür geöffnet. Im Morgenmantel war er vor ihr gestanden, hatte sie freundlich angelächelt und ihr sogar die Hand gereicht. "Schöne Grüsse an Deinen Vater!" hatte er ihr ausgerichtet. Sabea hatte diesen Gruss nie weiter geleitet – aus purer Verlegenheit. Der Mann beeindruckte sie - und dies nicht nur Kraft seines Bürgermeisteramtes.

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