Sabea, das Ziegenmilchmädchen

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Sabea,  das Ziegenmilchmädchen

Sabea, das Ziegenmilchmädchen

Anita Isiris

Martin Lander entfesselte seine gesamte Energie. Ja, er hatte viele Frauen gehabt. Die Frau des Postbeamten mit ihren Hängebrüsten. Die Tochter des Deutschlehrers – mit einer Klitoris in der Grösse einer Nordseeperle. Und sogar Sabeas Mutter Dragana mit ihrer unwiderstehlichen Zungentechnik war ihm zu Willen gewesen. Sabea aber war die erste, die für ihre Dienste Geld verlangte. Den andern hatte er aus der Tischschublade lediglich Schweigegeld bezahlt.

"Nichts liebe ich mehr als das weibliche Vlies", pflegte er zu seiner Frau Anina zu sagen. Diese lächelte verschmitzt ob seiner literarisch verbrämten Sprüche. Sie liebte ihren Bürgermeister von ganzem Herzen. Aber auch sie hatte eine Schwäche, von der ihr Gemahl nichts ahnte!

Der Fleischermeister, der Bäcker, der Postbeamte, der Deutschlehrer und sogar Sabeas Vater Jonston erfreuten sich zwischendurch, wenn Martin Lander im kleinen Regierungsgebäude arbeitete, an Aninas flammend rotem, sorgfältig zurecht gestutzten Liebesdreieck. Sie war ja Kleidernäherin und hatte einen Sinn für Details.

Seufzend versank der Bürgermeister tiefer in Sabea. Sie stöhnte so laut, dass vor dem Kellerfenster einer der Hunde zu bellen begann – zum Glück aber nur kurz.

Nach einem halben Jahr hatte Sabea genügend Geld beisammen. Die Ziegen erhielten neue Futterkrippen. Nina, Maute, Orina, Katja, Livia und Inger bekamen je eine Kette aus echten Perlen sowie Ledersandaletten, wie sie im Dorf noch keiner gesehen hatte. Ihr Vater erhielt eine Tabakpfeife aus einer französischen Manufaktur. Der Mutter schenkte sie ein langes schwarzes Kleid mit Samtbordüren. Den Küchenschrank füllte sie mit getrocknetem Hering, Matjes, Nudeln, Zucker, Salz, Mehl und Tee. In der kühlen Vorratskammer duftete es nach geräuchertem Speck und Nordseefisch.

Das Geheimnis, woher Sabea das viele Geld hatte, behielt sie für sich. Im trüben Licht der Petroleumlaterne wichen ihre Eltern dem gegenseitigen Blick aus. Jonston und Dragana ahnten, dass ihre Tochter sich ihnen zuliebe in eine Hübschlerin verwandelt hatte.

Man sprach aber nie darüber.

Dann wurde der Bürgermeister krank. Pusteln bedeckten seinen Körper, sein Gemächt juckte unerträglich und überall, sogar an den Fusssohlen, entstanden kleine schmerzhafte Knoten. Fiebrig erwartete er den Medicus, der ihm die Diagnose der französischen Krankheit stellte. Die Verschwiegenheit, die auch Sabeas an der syphilitischen Geissel erkrankte Freundinnen dahin gerafft hatte, sorgte dafür, dass nicht nur der Bürgermeister seinem Leiden erlag, sondern auch dessen Gattin Anina, der Postbote, der Fleischermeister und dessen Tochter sowie, und das war besonders tragisch, Jonston, Sabeas Vater.

Weil nun durch des Bürgermeisters Tod die wichtigste Geldquelle versiegt war, fiel Sabeas Familie in tiefe Armut zurück. Im trüben Licht der Petroleumlaterne zählte Sabea mit ihrer Mutter die letzten Kreuzer.

"Sabea, heirate jetzt Deinen geliebten Holger", sagte ihre Mutter Dragana und bedachte ihre älteste Tochter mit einem warmem Blick. "Die paar Kreuzer reichen zwar niemals für eine Aussteuer... aber Hauptsache ist doch, Du wirst endlich glücklich."

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