Ich atme die salzige Ostseeluft ein, spüre, wie sie meine Lungen füllt und den Stress der letzten Monate in Zürich sanft löst. Als Schweizerin benötige ich diese Auszeiten – fern von Meetings, Verhandlungen und dem ewigen Regen oder – noch schlimmer – dem Nebel zwischen den Bergen. Dieses kleine Strandhaus in den Dünen von Usedom, ein windschiefes Holzgebäude mit quietschender Veranda, ist mein Heiligtum. Mein Rückzugsort. Mein sicherer Hafen. Seit Jahren fahre ich hierher, um abzuschalten. Es war unser Ort damals, meiner und Lenas. Aber ich habe gelernt, Orte nicht loszulassen, nur weil die Menschen dazugehören. Stattdessen komme ich weiterhin hierher und fülle ihn mit neuen Erinnerungen.
Der Schlüssel dreht sich schwer im Schloss, und ich schleppe meinen Rucksack hinein. Alles ist wie immer: der alte Holzofen, die verblichenen Vorhänge, der Geruch von Salz und Kiefernharz, der mich sofort empfängt wie eine alte Freundin. Ich werfe die Tasche ab, ziehe die Stiefel aus und trete barfuß hinaus auf die Veranda. Der Wind peitscht mir ins Gesicht, feine Salzkristalle prickeln auf meiner Haut, und ich beobachte die Schaumkronen, die auf den Wellen tanzen – ungestüm, frei, ungezähmt. Genau das, was ich benötige. Ruhe. Einsamkeit. Vielleicht ein wenig Wildheit, die die Stadt mir nicht gibt. Aber vor allem ist es das Gefühl von Freiheit. Nein, auf mich selbst zurückgeworfen zu sein. Das ist es.
Ich bleibe eine Weile stillstehen, atme einfach nur bewusst tief ein und aus, als müsste ich bewusst das letzte Quäntchen Stadtluft ausatmen und mich mit Meeresluft füllen. Dabei sehe ich der Gischt zu und höre das rhythmische Ein- und Ausatmen des Meeres, welches mir den Takt für meinen Atem vorgibt. Ich beginne zu begreifen, dass dies für die nächsten Tage meine Realität sein wird.
Salz auf der Haut
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Salz auf der Haut
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