Ich bin mir sehr bewusst, was Sie für meine Sandrine tun, ich weiss um deren Leidenschaft und Liebesfähigkeit. Ich bin ein eifersüchtiger Ehemann, müssen Sie wissen – mit einer Ausnahme. Das sind Sie. Ich gebe Ihnen freie Hand, wenn es darum geht, Sandrine glücklich zu machen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich weiss, dass Sie die Frauen nicht nur klinisch betreuen, sondern auch deren Seelen behandeln. Für mich ist das so in Ordnung. Mein Problem ist lediglich, dass ich meinen Docht nicht mehr hochbringe. Sandrine gibt in gewissen Nächten alles, probiert neue Parfums aus, wartet auf den Vollmond, gibt sich mir in der Vierfüsslerstellung, für die sie sich früher geschämt hat und die ich doch so liebe. Sandrines Anatomie ist doch wunderbar, Herr Dr. Jeanrenaud. Da sind wir uns doch sicher einig. Aber ich bin mit ihr überfordert. Darum meine Bitte. Nehmen Sie meine Ehefrau, so oft sie das zulässt. Von Ihnen redet sie mit leuchtenden Augen, und Sie strahlen eine unwahrscheinliche Ruhe aus, wie ich gerade eben erst an einem Ihrer öffentlichen Vorträge feststellen durfte. Sandrine wird Sie bald einmal anrufen. Geben Sie ihr einen Termin, und… auch wenn mir diese Zeilen schwerfallen… geniessen Sie die Zeit mit meiner Frau in Ihrer Praxis.»
Ich war sehr berührt von diesem Schreiben – nicht nur, weil ich seit Jahren keine Briefpost mehr bekomme. Alles digital, klar – und dann dieses flehentliche Schreiben. In der Tat hat sich Sandrine kurz, nachdem ich das Schreiben aus meinem Praxisbriefkasten gefischt habe, bei mir für einen Termin gemeldet. «Oh docteur», hat sie mich angefleht. «Vous savez, mon mari…». Ich wusste sofort, worum es ging. Ich musste nachdenken, habe ihr einen Rückruf zugesichert und habe nachgedacht.
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